Unter dem Bosporus von Europa nach Asien

Am Dienstag war es soweit: Nach fast zehn Jahren Bauzeit eröffneten Ministerpräsident Tayyip Erdoğan, Staatspräsident Abdullah Gül und diverse andere in- und ausländische Politiker das türkische „Jahrhundertprojekt“: den sogenannten Marmaray-Tunnel, den ersten interkontinentalen Eisenbahntunnel der Welt, eine Verbindung von Europa und Asien unter dem Meer. Das Ereignis wurde auf den 90. Jahrestag der Gründung der türkischen Republik terminiert – den es damit deutlich überstrahlte.

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Am neuen Metro-Bahnhof Üsküdar, Dienstag 15.00 Uhr, Eröffnungsfeier des Marmaray-Tunnels, kurz vor der Rede Erdoğans.
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Die Einweihungszeremonie sollte um 15.00 Uhr an der neuen U-Bahnstation Üsküdar stattfinden, weshalb ich mich eine halbe Stunde vorher auf die Fähre von Kabataş zur asiatischen Stadtseite einschiffte. Die Fähre war übervoll mit festlich gekleideten Schaulustigen, die erkennbar vor allem zu Erdoğans Fans gehörten – ganze Familien und extrem viele Frauen mit Kopftuch, die aus den Vororten zu stammen schienen.

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Vor dem Kai von Üsküdar lagen Lotsen- und Feuerwehrschiffe, die Wasserfontänen in die Luft bliesen und hupten. An Land drängten sich Zehntausende mit orangefarbenen AKP-Fahnen, aber deutlich weniger türkischen Flaggen, als ich erwartet hatte. Atatürk war nur in Form eines riesigen Porträts vertreten, das an einer Leine vor der Bühne flatterte – neben ihm hingen in gleicher Größe Bildnisse von Erdoğan und Gül. Als der Muezzin seinen Gebetsruf gegen 14.55 Uhr beendet hatte, begann das Programm, das im Wesentlichen aus dem Abspielen eines Werbefilms und den Reden der Politiker bestand, die alle mehr oder weniger das Gleiche sagten: „ein gewaltiges Projekt zur Ehre der Türkei, das der Regierung des Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan zu verdanken ist“: Bürgermeister Topbas, Gouverneuer Mutlu, der japanische Prmier und dann Erdoğan selbst.

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Zwei Überraschungen

Mich überraschten zwei Dinge: beim Abspielen der Nationalhymne sangen nur sehr wenige (sehr, sehr wenige!) Leute mit. Zwei Deutschtürken, mit denen ich ins Gespräch kam und die mir dankenswerterweise die Politikeransprachen übersetzten, erläuterten mir die Sache folgendermaßen: Weil die meisten Erdoğan-Anhänger eher ungebildet seien, würden sie den Text nicht kennen. Das fand ich seltsam, weil die Kinder in der Schule mindestens zweimal pro Woche die Hymne schmettern müssen und sich deren Worte eigentlich jedem Türken unauslöschbar ins Gehirn einbrennen sollten.

Ziemlich exakt nach einer Stunde trat ein weiteres merkwürdiges Phänomen auf: Obwohl Premier Erdoğan noch nicht gesprochen hatte, begannen die Massen vom Festplatz weg zu den Fähren zu strömen. Die beiden Deutschtürken hatten dafür keine Erklärung parat. Also fragten wir einige Leute. Ein alter Herr mit wunderbarem graumelierten Schnurrbart sagte: „Ich habe eine Verabredung, deshalb muss ich weg.“ Ein Familienvater mit Anhang meinte etwas verlegen, es sei doch Feiertrag, und man habe Verpflichtungen gegenüber der Familie. Und ein jüngerer Mann sagte einfach: „Eine Stunde reicht, es wird langweilig.“

Die Deutschtürken fanden das auch seltsam und erklärten, die Leute würden ja nicht wegen des Premiers zur Marmaray-Eröffnung kommen, sondern einfach, um dabei zu sein. „Der Ministerpräsident ist eigentlich nicht so wichtig. Hauptsache feiern.“ Die beiden waren selbst glühende Erdoğan-Anhänger, der ältere, etwa 30-jährige Mann, der ein Camouflage-T-Shirt trug, sagte stolz: „Da sieht man mal wieder, wie Erdogan die Türkei voranbringt. In den 80 Jahren davor ist fast nichts passiert. Aber in den letzten zehn Jahren macht die Türkei solche gewaltigen Fortschritte!“ In diesem Moment kam der Istanbuler Taz-Korrespondent zufällig vorbei, der es tatsächlich für möglich hielt, trotz der Menschenmassen eine Fahrt mit der neuen Metro anzutreten.

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Begeisterte Anhänger der AK-Parti – der Partei der Glühbirne.

Ingenieurtechnische Glanzleistung

Zehn Minuten später kam Erdoğan. Er sprach von der neuen „Seidenstraße auf Schienen“, der Verbindung zwischen dem Alten Kontinent und dem Fernen Osten. Im Prinzip sagte er nichts anderes als die Redner vor ihm, das aber rhetorisch weitaus geschliffener. Schon der Osmanensultan Abdülmecid I. träumte vor 150 Jahren von der Bosporusunterquerung, die ein japanisch-türkisches Baukonsortium jetzt vollendete. Eigentlich sollte der Bau des tiefsten je im Wasser versenkten Eisenbahntunnels der Welt (mit 62 Metern an der tiefsten Stelle) schon 2009 fertig sein. Doch als die Ingenieure nahe der Istanbuler Altstadt mit den Ausschachtungsarbeiten begannen, stießen sie auf steinzeitliche Gräber und einen kompletten byzantinischen Hafen mit mehr als 30 versunkenen Schiffen. Die Ausgrabungen verzögerten das Projekt um vier Jahre. Wegen der extremen Erdbebengefahr in Istanbul wurden elf 18.000 Tonnen schwere Teilstücke einer Doppelröhre aus Beton versenkt und so raffiniert miteinander verbunden, dass sie auch starke Erdstöße verkraften sollen, woran unabhängige Experten vor der Eröffnung allerdings Zweifel äußerten.

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Ankündigung des Feuerwerks.

Leider musste ich noch während Erdoğans Rede wieder nach Kabataş auf die europäische Seite übersetzen, weil wir am Abend Gäste erwarteten, um gemeinsam das Feuerwerk auf dem Bosporus anlässlich des 90. Republikgeburtstages vom Balkon aus anzuschauen. Es wurde ein fantastisches Schauspiel, und es war dem Anlass angemessen.

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Feuerwerk über dem Bosporus zum Republikfeiertag am 29. Oktober.
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Denn das Marmaray-Projekt bringt Istanbul echte Lebensqualität. Diese ingenieurtechnische Glanzleistung, die Erdoğan sich zu Recht auf die Fahnen schreibt, entlastet den staugeplagten Istanbuler Verkehr und die Istanbuler Luft, und es ist der Beginn einer hoffentlich andauernden Offensive der Stadt zum Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. In nur vier Minuten schafft die neue S-Bahn die rund 1,4 Kilometer von Sirkeci nach Üsküdar unter dem Marmarameer, mit bis zu 1,5 Millionen Passagieren täglich rechnet die Stadt auf dem gesamten neuen Teilstück von 13,6 Kilometern. Nachts sollen auch Frachtzüge fahren, und in zwei Jahren wird ein Autotunnel unter dem Marmarameer hinzukommen.

Wenn es 2015 fertig ist, wird das Marmaray-Projekt den Westen der Megametropole Istanbul mit ihrem äußersten Südosten auf einer Länge von 76 Kilometern verbinden. Wer sie komplett abfährt, ist dann mehr als anderthalb Stunden unterwegs – aber nur halb so lange, wie man zurzeit benötigt. Damit läutet das 3,4-Milliarden Euro teure Marmaray-Projekt eine neue Runde des dringend nötigen Metro-Ausbaus in Istanbul ein, denn die 16-Millionen-Stadt droht im Autoverkehr zu ersticken. Die gesamte Stadt ist derzeit mit Werbepostern gepflastert, die den Slogan der Protestbewegung vom Sommer „Überall Taksim, überall Widerstand“ neu interpretieren: „Überall Metro, von überall Metro.“

Für einen BER-geschädigten Berliner war es wieder einmal verblüffend zu erleben, dass in der Türkei Eröffnungstermine von Megabauprojekten tatsächlich auf die Sekunde pünktlich eingehalten werden. Zwar konnte ich mich noch am Sonntagabend, nur anderthalb Tage vor dem Einweihungstermin, in Üsküdar davon überzeugen, dass noch nichts wirklich bereit stand. Arbeiter räumten noch Bauschutt weg und zimmerten an der Bühne und den Zelten, die sie für die Zeremonie am Metroeingang errichteten. Bis spät in die Nacht pflanzten sie noch Blumenbeete, während Schaulustige um den neuen Bahnhof auf der asiatischen Stadtseite herum flanierten. Doch als der rote Sonnenball hinter der Märchenkulisse der Istanbuler Altstadt versank, erzeugten die Dekorlampen der nahen Bosporusbrücke eine 50 Meter hohe Leuchtschrift: „29. Oktober Eröffnung Marmaray“ – die keinen Zweifel daran ließ, dass die Eröffnung pünktlich stattfinden würde.

Nach der Eröffnung: Chaos und Pannen

Ich sprach mit einigen Passanten, die eigentlich durchweg froh über das Projekt waren. Sie würden nun schneller zu Arbeit kommen, der Tunnel soll rund 20 Prozent des Personenverkehrs von der Straße auf die Schiene holen, meinten sie. Cem und Adem, Studenten der Ingenieurwissenschaften, kamen gerade aus dem europäischen Teil der Stadt zurück nach Üsküdar, wo sie bei ihren Eltern leben. „Natürlich ist der Tunnel toll, aber ich werde trotzdem weiter mit der Fähre übersetzen, und die Metro nur nehmen, wenn es schnell gehen muss. Ich liebe die Fahrt über den Bosporus mit einem Glas heißen Tee“, sagte der 24-jährige Cem. Angst vor der U-Bahn-Fahrt durch den Unterwassertunnel hatten beide nicht. „Das haben die Japaner gebaut, die verstehen was von Erdbeben und Sicherheit“, sagte der 25-jährige Adem.

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Etwas später am Abend führte der türkische Transportminister Binali Yıldırım eine Gruppe von Journalisten in die neue Metrostation „Üsküdar“. Er erklärte, er wolle sich davon überzeugen, dass alle Arbeiten ordnungsgemäß ausgeführt worden seien. Dann sprach er über die versenkten Röhren und sagte, sie würden sogar Erdstöße der Stärke 9 aushalten und seien damit die sichersten Strukturen in ganz Istanbul, „sogar sicherer als unsere Hochhäuser.”

Nach der perfekt verlaufenden Eröffnung folgte dann – ganz türkisch – das Chaos. Man hatte wohl aus Zeitgründen die Erprobungsphase ausgelassen, um gleich einen Praxistest bei Vollauslastung zu machen. Am gestrigen ersten Betriebstag ging so ziemlich alles schief, was überhaupt schiefgehen konnte. Am Morgen gab es einen kompletten Stromausfall, Türstörungen, liegengebliebene Züge. In weiteren Fällen verpasste ein Zugführer den Bahnhof Sirkeci in Europa und fuhr ohne anzuhalten nach Asien weiter, später passierte das Gleiche am Bahnhof Üsküdar. Wegen des Stromausfalls mussten Passagiere bis zur nächsten Station laufen.

Die Staatliche Türkische Eisenbahngesellschaft (TCDD) schob die Probleme zuerst auf Passagiere, die angeblich die Notbremse gezogen hätten – das hatte Premier Erdoğan zuvor laut Hürriyet behauptet: „Einige Leute zogen am ersten Tag die Notbremse. Die ist empfindlich, sie sollte nicht gezogen werden. Aber um Himmels Willen, sie ziehen sie, und natürlich verursacht das ein Problem im Marmaray. Die Medien sind schon vorbereitet. Sie kommen und filmen das. Kann das sein? Es ist wichtig zu wissen, warum sie das tun. Aber ob sie es nun mögen oder nicht – die Nation hat ihren Weg gefunden.“

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Zur Marmaray-Eröffnung hatte die Polizei nur einen Wasserwerfer aufgefahren. Er wurde nicht benötigt.

Hintergrund: Als die Passagiere wegen des Stromausfalls gezwungen waren, durch den Tunnel zu laufen, hatte das Internet-Filmteam der kemalistischen Sözcü einen jungen Mann gefilmt, der eine Panikattacke erlitt und sagte: „Wir sitzen in einem Tunnel mitten im Meer fest. Wer übernimmt die Verantwortung, wenn wir alle sterben?“ Andere Passagiere attackierten daraufhin das Filmteam, dem sie vorwarfen, sie wollten das Marmaray-Projekt schlechtmachen. Die Sicherheitskräfte mussten die TV-Crew vor dem Mob schützen. Angeblich wurde das Filmen in der neuen S-Bahn anschließend untersagt – aber das dementierte die Eisenbahngesellschaft.

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Diese beiden Radfahrer demonstrierten für einen Fahrradtunnel unter dem Bosporus. Radler sind extrem selten in Istanbul. Deshalb wurden die Aktivisten bestaunt – und belächelt.

Später erklärte der Eisenbahn-Generaldirektor Süleyman Karaman, die Pannen hätten am unerwartet hohen Passagieraufkommen gelegen, aufgrund der spontanen Entscheidung, die ersten 15 Tage alle Passagiere umsonst zu befördern. Jedenfalls berichteten am heutigen Donnerstag fast alle Zeitungen darüber auf der Titelseite. Die regierungsnahe Zeitung Star schrieb gnädig: „Sie feierten Marmaray mit Schluckauf“. Hämischer formulierten es die linklen Oppositionsblätter Sözcü und Evrensel: „Das Fiasko/ die Schande des Jahrhunderts“.

Ich habe es mir bisher verkniffen, die Sicherheitssysteme unter dem Meer zu testen und warte lieber ab, bis die öffentliche Testphase vorüber ist.

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Ein Gedanke zu „Unter dem Bosporus von Europa nach Asien

  1. Vielen Dank für diese Einblicke. Eine Anmerkung zu den Fahrradfahrern: auf dem Trikot des einen steht Fahrradkurier – das heißt sie radeln nicht (nur) zum Spaß. Also gar nicht so albern, dass sie demonstrieren…

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