Verschiedene Geschwindigkeiten

Viele Freunde in Berlin glauben, dass wir in Istanbul unter warmer Sonne schwitzen, während sie im nasskalten Winter frieren. Ganz falsch, auch am Bosporus ist es derzeit kühl und regnerisch. Schließlich liegt die Stadt mehr oder weniger am Schwarzen Meer (und nicht am Mittelmeer, wie die meisten denken). Noch schlimmer wird es erfahrungsgemäß im Januar und Februar, wenn die kalten Winde aus Russland wehen und nicht selten Schnee mitbringen. Es braucht also niemand neidisch zu sein.

Der Vergleich liegt für mich nahe, da ich kürzlich für ein paar Tage in Berlin war und mich einerseits über das verblüffend ähnliche Wetter wunderte, mir andererseits aber wieder auffiel, wie verschieden die Welten sind. Zum Beispiel die unterschiedliche Geschwindigkeit. Die Leute in Istanbul sind schneller und vor allem wendiger. In Berlin habe ich sogar eine S-Bahn verpasst, weil die Menschen vor mir auf der Rolltreppe links einfach nicht überholten. Das wäre in Istanbul so nicht passiert. Berliner sind es nicht gewöhnt, in großen Menschenmengen zu navigieren – in Istanbul unerlässlich.

Je länger ich hier „draußen“ lebe, desto mehr habe ich auch das Gefühl, dass Europa ein durchaus angenehmer, aber auch saturierter, sedierter und abgeschotteter Ort (geworden) ist – „alles ist fertig“, wie ein Freund kürzlich sagte. Die Leute beschäftigen sich irritierend intensiv mit seltsamen Themen wie Autobahnmaut oder Betreuungsgeld und scheinen gar nicht zu bemerken, dass es Probleme gibt, die ihnen richtig Kopfschmerzen bereiten werden, wenn sie nicht etwas tun – zum Beispiel die Frage, wie das Sozialsystem angesichts des demographischen Wandels aufrechtzuhalten ist?

Mit der wirklichen Welt außerhalb des europäischen Sozialwalls hat man in Berlin kaum Berührung, von den Bettlern in der U-Bahn abgesehen. Wir sahen uns eine ausgezeichnete Ausstellung im Martin-Gropius-Bau an, Fotografien von der großen Barbara Klemm, viele Aufnahmen aus Zeiten, in denen auch in Deutschland noch wichtige Fragen verhandelt wurden wie die Atomkraft oder die Emanzipation der Frauen.

Als wir dann von dort zum Checkpoint Charlie liefen, überkam uns das überwältigende Gefühl, dass Berlin/Deutschland/Europa zu einem musealen Ort wird, wo man die Vergangenheit verpackt und ausstellt, aber mit der Gegenwart nichts mehr recht anzufangen weiß. Alle Hauser waren fertig, makellos, die Bürgersteige exakt gepflastert, und überall wurde Vergangenheit ausgestellt: Nazi-Vergangenheit, DDR-Vergangenheit, Trabi-Vergangenheit. In der Stadtmitte werden Puppenstubenhäuser errichtet und ein Schloss wiederaufgebaut. Das alles war gruselig.

Vorhin habe ich mit einem Kneipenwirt in Beyoğlu gesprochen, der neulich auch mal in Berlin war, weil er dort Verwandtschaft hat. Er sagte: „Berlin ist nett, aber nichts für mich. Ich brauche Istanbul, um mich lebendig zu fühlen.“ Wir tranken beide einen Schluck Tee und blickten nachdenklich auf den Strom der unablässig vorbeiziehenden Menschen. Und ich dachte, der Mann hat Recht.

2 Gedanken zu „Verschiedene Geschwindigkeiten

  1. Lieber Herr Nordhausen,

    Was die unterschiedliche Geschwindigkeit in Berlin und Istanbul betrifft, da fällt mir nur die Fabel vom Igel und Hasen ein (In der Türkei vom Hasen und der Schildkröte)

    Und wenn ich die Türkei nur in ökonomischen quantitativen Maßstab (BIP)betrachte, dann sind die Türken sicherlich gezwungen eine höheres Tempo an den Tag zu legen, um den “ Wohlstand “ wie in Deutschland (hier in Berlin) zu erreichen:

    BIP per capita in .de: 43.972$ (2013) Rang 18 in der Welt
    BIP per capita in .tr: 10.745 $ (2013) Rang 66 in der Welt

    aus:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_L%C3%A4nder_nach_Bruttoinlandsprodukt_pro_Kopf

    wenn es allerdings nach der Weltkarte des Glücks geht ist der Unterschied nicht so groß:

    Auf der Skala von eins bis zehn hat die Türkei den Wert 6,2 ; Deutschland den Wert 7,2.
    aus:http://www.gluecksforschung.de

    Und wenn ich mir Ihre Berichte in diesem Jahr aus Istanbul durchlese, dann sind die städtischen Veränderungen in Istanbúl so gravierend, dass die höhere Geschwindigkeit eher dazu führt, dass Istanbul eine Stadt wie auch alle anderen Städte in der Welt wird und Ihren eigenen nationalen Charakter bald, sehr schnell, verlieren wird.

    Und ob Berlin tatsächlich so museal ist, wie Sie es nach einem kurzen Aufenthalt in Ihrer Heimatstadt feststellen ??

    Vielleicht gehen Sie bei nächsten Mal einmal ins Sankt Oberholz:
    http://www.sanktoberholz.de/

    und fragen die dort Anwesenden nach dem Eindruck einer musealen Stadt!!

    Und wo Sie auf die Ausstellung zum 75. Tag der Kristallnacht verweisen.

    Ich würde mich freuen, wenn die Türken damit beginnen würden, den Genozid an den Armeniern endlich einmal aufzuarbeiten:

    http://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkermord_an_den_Armeniern

    Haben Sie Hrant Dink vergessen:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Hrant_Dink

    und wie Orhan Pamuk kritisiert und bedroht wird;

    http://de.wikipedia.org/wiki/Orhan_Pamuk

    soviel zu den unterschiedlichen Geschwindigkeiten

    • Lieber Herr Günter, Sie haben sich ja richtig Mühe gemacht und auch sehr interessante Daten zusammengetragen! Nun, mein Eindruck war natürlich ein sehr spontaner, und ich weiß schon, dass die Dinge komplizierter sind. Sie verweisen zu Recht auf die mangelhafte Aufarbeitung des armenischen Genozids in der Türkei. Ein hiesiger Kollege sagte neulich zu mir, er lebe lieber in Istanbul als im alten Europa, weil die gesellschaftlichen Konflikte in der Türkei direkter seien und offener ausgetragen würden. Das ist eine klar journalistisch eingefärbte Sicht, und ähnlich sehe ich es auch. Vermutlich, weil ich auch Journalist bin. FN

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