Völkermord an den Armeniern – Jahrestag der Verdrängung?

In weniger als vier Wochen wird ein Thema viele Medien in den westlichen Ländern beschäftigen, das jetzt schon seine Schatten wirft: der hundertste Jahrestag des Völkermords an den Armeniern 1915-18 im Osmanischen Reich, bei dem bis zu 1,5 Millionen Menschen starben. Zunehmend erscheinen bereits Artikel in Zeitungen und Zeitschriften, die sich mit diesem ersten Genozid des 20. Jahrhunderts beschäftigen. Und die Türkei, der Rechtsnachfolger des Osmanischen Reiches? Sie leugnet offiziell noch immer, dass es während des Ersten Weltkriegs einen Völkermord gegeben hat, obwohl die Beweise so überwältigend sind, dass das Abstreiten der historischen Fakten immer befremdlicher wirkt.

DSC07348
Die 2012 wiederaufgebaute armenische Surp Giragos-Kathedrale in der südostanatolischen Stadt Amed (Diyarbakır)
DSC07335

Am heutigen Montag erreichte uns die Nachricht, dass der Papst auf eine türkische Intervention hin eine geplante Reise nach Armenien inklusive eines Gedenkgottesdienstes am 24. April in Jerewan abgesagt hat. Stattdessen sei nun eine Messe nach armenischem Ritus im Vatikan am 12. April geplant, meldete die türkische Zeitung Vatan. Das Nein des Heiligen Stuhls zum armenischen Vorschlag sei nach Einsprüchen des türkischen Botschafters beim Vatikan, Mehmet Pacaci, zustande gekommen.

Franziskus hatte die Gräueltaten an den Armeniern bereits in seiner Zeit als Erzbischof von Buenos Aires als Genozid bezeichnet. Als er dies 2013 im Vatikan wiederholte, schäumte die türkische Regierung und nannte die päpstliche Aussage „absolut inakzeptabel“. Damals sagte der armenisch-orthodoxe Bischof Sebuh Tschuldijan aus der Republik Armenien der türkischen Tageszeitung Hürriyet, der Papst habe eine „historische Wahrheit“ ausgesprochen und forderte: „Die Türkei muss sich der Realität stellen.“

Bedauern und Beileid – aber keine Anerkennung des Völkermords

Passiert ist seither wenig. Vor einem Jahr hat der damalige Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan als erster Regierungschef zwar sein Bedauern bekundet über die „damaligen Ereignisse“, wie sie offiziell in der Türkei genannt werden. Die Türkei übermittle den „Enkeln“ der getöteten Armenier ihr Beileid, sagte Erdoğan – aber von einem Völkermord sprach er weiterhin nicht.

Erdoğan stellte das Leiden der armenischen Opfer sogar auf eine Stufe mit dem der Täter, als er davon sprach, dass die letzten Jahre des Osmanischen Reiches eine schwere Zeit für alle, auch die Türken und Kurden, gewesen seien, „unabhängig von ihrer Religion und ihrer ethnischen Herkunft“. Der Erste Weltkrieg sei „unser geteiltes Leid“.

Armenier, die zum Jahrestag 2014 nach Istanbul reisten, sagten mir damals, die Erklärung sei wichtig, aber völlig unzureichend und falsch und komme viel zu spät. Seither hat sich auf der Regierungsebene praktisch nichts getan. Als Völkermord betrachtet die Türkei die Vorkommnisse weiterhin nicht. Stattdessen reagiert die Regierung in Ankara pikiert auf das anschwellende Interesse internationaler Medien und Politiker vor dem Jahrestag, als wäre es eine Überraschung, dass sich die Massaker in diesem Jahr zum hundertsten Mal jähren.

Noch immer versucht man, die Löcher in einem längst leck geschlagenen Schiff der Verdrängung zu stopfen. Die Regierung versucht auch, den US-Kongress davon abzuhalten, eine Resolution zum Völkermord an den Armeniern zu beschließen. Vor zehn Jahren gelang es ihr noch, eine ähnliche Resolution im Deutschen Bundestag zu verwässern und das böse „V“-Wort daraus zu verbannen. Doch noch nie dürften Ankaras Diplomaten im Begriffs-Streit so viel zu tun bekommen haben wie in diesem Jahr. Sie werden nicht alle Dämme halten können.

DSC07227
1915 zerstörte, inzwischen gesicherte armenische Kirche in Amed (Diyarbakır)
DSC07225

Schäbige Gedenkfeier-Konkurrenz in Çanakkale

Noch schlimmer ist, dass Staatspräsident Erdoğan eine Konkurrenz der Erinnerungsfeiern beschloss und das offizielle Gedenken an die Schlacht von Çanakkale (Gallipoli), bei der 1915 fast 60000 osmanische Verteidiger starben, ausgerechnet auf den Genozid-Jahrestag verlegte. Statt zum 18. März, als die Schlacht begann, lud er die Staatschefs aller 102 Länder, die am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatten, zum 24. April nach Çanakkale ein.

Entrüstet lehnte der armenische Präsident Sersch Sargsjan die Einladung ab. Er hatte Erdoğan schon vor Monaten zum Genozidgedenken nach Jerewan eingeladen, aber nach seinen Worten keine Antwort erhalten. „Wir sind es nicht gerade gewöhnt, vom Eingeladenen eingeladen zu werden, ohne eine Antwort auf unsere Einladung zu erhalten“, schrieb Sargjan in einem veröffentlichten Brief an den türkischen Präsidenten. „Welchen anderen Zweck soll das haben als das einfältige Ziel, die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft abzulenken von den Ereignissen, die an den hundertsten Jahrestag des Genozids an den Armeniern erinnern?“ Wenn es ihm wirklich um den Frieden gehe, solle Erdoğan endlich eine Botschaft an die Welt senden, dass die Türkei den Genozid anerkenne und „dem Gedenken an die 1,5 Millionen Opfern ihren Tribut zollt“.

Es wird interessant sein zu beobachten, welche Staatsgäste Erdoğan am 24. April in Çanakkale begrüßen kann. Das internationale Echo auf seine abgeschmackte Idee ist schon jetzt verheerend. Der Vorstoß kam natürlich auch auf einem internationalen Historikerkongress zur Sprache, der Anfang März in Berlin stattfand und sich vor allem mit der deutschen Rolle während der Massaker an den Armeniern befasste. Viele Menschen in Deutschland haben sicher noch nie davon gehört, dass Tausende Deutsche sich damals als Soldaten oder Zivilisten im Osmanischen Reich aufhielten, das ein wichtiger Bündnispartner des Deutschen Reiches war. Sie wurden Augenzeugen des Völkermordes.

Ich habe einen Bericht über den Kongress geschrieben, der am 19. März in der Frankfurter Rundschau erschien, für den sich aber leider kein Platz in der Berliner Zeitung fand. Deshalb stelle ich den Text hier in ausführlicherer Form zum Nachlesen ein.

———————————————–

SONY DSC

„Ja, es ist hart, aber nützlich“

Historiker thematisieren die unrühmliche Rolle Deutschlands während des Genozids an den Armeniern vor hundert Jahren: Die Regierung in Berlin wusste sehr genau, was sich im Gebiet ihres türkischen Kriegsverbündeten in Anatolien abspielte – und sie unternahm nichts.

Im Juli 1915 sandte der deutsche Botschafter in Konstantinopel ein Telegramm ungeheuerlichen Inhalts ans Auswärtige Amt in Berlin. „Die Umstände und die Art, wie die Umsiedlung durchgeführt wird, zeigen, dass die Regierung tatsächlich den Zweck verfolgt, die armenische Rasse zu vernichten“, schrieb Hans Freiherr von Wangenheim über die Deportationen armenischer Zivilisten im Osmanischen Reich.

Es ist vielfach belegt: Unmittelbar nach Beginn des Völkermords an den Armeniern, dem bis zu anderthalb Millionen Menschen zum Opfer fielen, wusste die Reichsregierung in Berlin sehr genau, was sich im Gebiet ihres Kriegsverbündeten in Anatolien abspielte – und sie tat nichts.

Hundert Jahre ist das jetzt her. Während noch vor zehn Jahren die (fortbestehende) Weigerung der türkischen Regierung, von einem Völkermord zu sprechen, für hitzige Debatten sorgte, steht im wissenschaftlichen Fokus längst nicht mehr das Ob, sondern das Wie der Ereignisse. Das sagte der Historiker Rolf Hosfeld, Leiter des Potsdamer Lepsius-Hauses, als Veranstalter einer internationalen Historikertagung in Berlin, die kürzlich das diesjährige Erinnern an den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts einleitete. Im Geiste des Orientalisten und Theologen Johannes Lepsius, der ab 1916 umfangreiche Studien darüber publiziert und dem Deutschen Reich eine Mitschuld zugewiesen hatte, wurden die deutschen „Zeugen des Jahrhundertverbrechens“ erstmals zentrales Thema einer derartigen Konferenz.

Im Ersten Weltkrieg befehligten deutsche Generäle osmanische Armeen, in türkischen Provinzstädten residierten deutsche Konsuln, deutsche Geschäftsleute, Lehrer oder Krankenschwestern waren in Anatolien tätig. Tausende Deutsche wurden unmittelbar Augenzeuge, wie während der Deportation der angeblichen „inneren Feinde“ in die syrische Wüste unzählige Menschen erschlagen, Frauen vergewaltigt, Kinder geraubt wurden. In Briefen und Telegrammen nach Deutschland berichteten Konsuln, Soldaten oder Missionare oft sehr detailliert über „Enteignung, Massenvertreibung, Vernichtung“ der christlichen Armenier, so der Züricher Genozid-Historiker Hans-Lukas Kieser. Inzwischen herrscht wissenschaftlicher Konsens darüber, dass keine andere Regierung weltweit so viel über die Vernichtung der Armenier wusste wie die deutsche unter Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg.

Nur Zeugen – oder auch Täter?

Aber waren die Deutschen nicht nur Zeugen, sondern auch Mittäter des hunderttausendfachen Mords? Hätte die Berliner Regierung als wichtigster Verbündeter Konstantinopels die Massaker beenden können, und warum hat sie es gegebenenfalls nicht getan?

Darüber wurde auf der Konferenz leidenschaftlich gestritten. Einig waren sich die meisten Historiker, dass die deutschen Beobachter zwar über die Deportationen, nicht aber über die geplante Vernichtung der Armenier informiert waren. Ohnehin, so Erik Jan Zürcher von der Universität Leiden, werde es vermutlich nie letzte Sicherheit darüber geben, wer genau den Beschluss zum Völkermord traf. Dieser sei im Februar bis April 1915 in „informellen Zirkeln“ der regierenden Unionisten (Jungtürken) um den allmächtigen Kriegsminister Enver Pascha gefallen.

SONY DSC
Erik Jan Zürcher

Das Hauptmotiv der nationalistischen Unionisten war ihre Wahrnehmung der christlichen Armenier als gefährlicher „innerer Feind“, der sich mit äußeren Feinden verbünde und die Einheit des Reiches bedrohe. Diese Sicht teilten viele deutsche Militärs, sahen die Deportationen als „militärische Notwendigkeit“ an und rapportierten dies nach Berlin.

Eine tragende Rolle bei dieser „schamlosen Desinformation“ spielte der bedeutendste deutsche Offizier im Osmanischen Generalstab, Feldmarschall Colmar von der Goltz, urteilte der Schweizer Militärhistoriker Carl Alexander Krethlow. Goltz, der in Berlin als „völlig vertürkt“ galt, schrieb unverblümt, man müsse „die gefährlichen Majoritäten in Minoritäten verwandeln“. Obwohl ihn seine Untergebenen detailliert über die „bewusste und gewollte Vernichtung der Armenier“ informierten, drängte Goltz Berlin nicht zum Handeln. „Mit seiner Strategie der Verhinderung und Verschleierung trug er zum Völkermord bei“, sagte Krethlow. Die Umsetzung des Deportationsbefehls hätten deutsche Offiziere der mittleren Befehlsebene dann aktiv mitgetragen, ohne jedoch von der geplanten Vernichtung der Armenier zu wissen. „Im Bereich der Deportationsmaßnahmen aber muss eindeutig eine deutsche Mitverantwortung festgestellt werden.“

SONY DSC
Ronald G. Suny

Beobachter reagierten schockiert

Auch als sich die Armenier im südanatolischen Urfa im Oktober 1915 gegen die Maßnahmen wehrten, beteiligten sich deutsche Offiziere aktiv an der Niederschlagung des Aufstands. Doch habe „niemand im deutschen Generalstab diese Vorgänge als erste Phase einer systematischen Vernichtung verstanden“. Solange es „nur“ um Deportationen ging, erklärten sich die deutschen Militärs und Diplomaten überwiegend mit den Maßnahmen einverstanden.

Das entsprach der in Berlin geteilten Haltung, die Deportationen im Kontext massenhafter Vertreibungen und Bevölkerungsverschiebungen etwa im Habsburgerreich als ordnungspolitisch notwendig zu erachten. Der Grund: Das Bündnis mit der Türkei dürfe nicht beschädigt werden. Deshalb wurde auch in der Öffentlichkeit die türkische Version der Ereignisse übernommen.

Als die Massenmorde nicht mehr zu übersehen waren, reagierten viele deutsche Beobachter schockiert, doch führte dies nicht zu offiziellen Konsequenzen. So beklagte der armenierfeindliche Botschafter Wangenheim plötzlich die „Vernichtung der armenischen Rasse“. Als er im Oktober 1915 an einem Schlaganfall starb, wurde er von Paul Graf Wolff Metternich abgelöst – dem einzigen Deutschen, der von einer hohen Position aus das Morden stoppen und der osmanischen Führung Sanktionen androhen wollte, doch er wurde schnell wieder aus Konstantinopel abberufen.

Die Angst, den wichtigen türkischen Verbündeten zu verlieren, gab den Ausschlag dafür, nichts zu tun – gemäß dem berüchtigtem Diktum des Reichskanzlers Bethmann-Hollweg von Ende 1915: „Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig, ob darüber Armenier zugrunde gehen oder nicht.“ Man führte in Europa einen Zweifrontenkrieg und brauchte die Front im Nahen Osten zur eigenen Entlastung.

Christin Pschichholz von der Universität Potsdam deutete die deutsche Haltung darüber hinaus als „kolonialen Pragmatismus“ im Rahmen der Kriegsziele, da Berlin sich damals ein deutsches Protektorat auf türkischem Boden erhoffte. So blieb es bei der „zutiefst traurigen, beschämenden Hinnahme des Völkermords an den Armeniern“, wie es der Marburger Historiker Ulrich Sieg ausdrückte.

Beihilfe zum Völkermord

Aber begründet dies eine deutsche Schuld am Genozid? Die Antworten fielen differenziert aus. Man solle besser „qualifizierter Mitverantwortung“ als von Schuld sprechen, meinte Hans-Lukas Kieser, denn die deutsche Motivlage habe mit dem jungtürkischen Projekt (der ethnisch homogenen Nation ohne „unzuverlässige“ Minderheiten) nichts zu tun gehabt. Ronald G. Suny von der University of Michigan sprach deutlicher von „Komplizenschaft“. Es habe zwar keine gemeinsame Planung der Verbrechen gegeben, aber die deutsche Regierung sei so gut informiert gewesen, „dass man von einer kriminellen Verwicklung sprechen sollte“.

Am weitesten ging Jürgen Gottschlich, in Istanbul lebender Journalist und Autor eines neuen Buches über Deutschlands „Beihilfe zum Völkermord“: „Die Deutschen wussten, dass es um Vernichtung ging, hätten sie stoppen können, haben es aber nicht getan.“ Gottschlich stellte den deutschen Marineattaché Hans Humann vor, einer der einflussreichsten deutschen Offiziere in Konstantinopel, der ein ausgesprochener Armenier-Feind und enger Freund des Völkermörders Enver Pascha war. „Humann war als Mann, der im Hintergrund Fäden zog, maßgeblich an der Entscheidung zum Völkermord beteiligt“, analysierte Gottschlich. Auf einen Bericht aus Mosul über massenhaft im Tigris treibende Leichen notierte er zynisch: „Ja, es ist hart, aber nützlich.“

SONY DSC
Jürgen Gottschlich, langjähriger Taz-Korrespondent in Istanbul
SONY DSC

Nur an Macht und Image interessiert

Wie Gottschlich zeigte sich auch der armenische Historiker Ashot Hayruni aus Jerewan überzeugt, dass die Deutschen als einzige die Verbrechen hätten verhindern können, doch seien sie nicht an moralischen Fragen, sondern nur an der Macht und ihrem Image interessiert gewesen. Er sprach von „duldender Hinnahme der jungtürkischen Vernichtungspolitik“ trotz dramatischer Berichte der deutschen Diplomaten und direkter Augenzeugenschaft der Militärs.

Dabei hätten einzelne Militärs bewiesen, dass humanitäre Interventionen möglich waren. So verhinderte General Otto Liman von Sanders die Deportation der Armenier aus Smyrna (Izmir), und von der Goltz erreichte, dass die Armenier aus Mosul zunächst nicht vertrieben wurden. Beide Offiziere begründeten ihre Intervention mit militärischen Motiven. „Es ist kaum zu bezweifeln, dass die damalige deutsche Regierung auf den osmanischen Bündnispartner hätte einwirken können, um den Völkermord an den Armeniern zu verhindern“, folgerte Hayruni.

Von einem kaum aufgearbeiteten Kapitel, den zivilen Rettern verfolgter Armenier, berichteten mehrere Forscher, die unter anderem die Rolle des türkischen Gouverneurs von Aleppo und christlicher Missionsgesellschaften hervorhoben. „Die einen halfen bei Deportation und Vernichtung, die anderen retteten“, sagte Judith Perisic von der Universität Mainz in ihrer Studie über Urfa. Christliche Spendenaktionen für die Armenier in Amerika und Europa revolutionierten und professionalisierten damals das humanitäre Fundraising. Erstmals überhaupt gab es erhebliche Spenden für eine humanitäre Katastrophe.

Hilfsbereite deutsche Zivilisten trafen in der Osttürkei allerdings auf schockierenden Widerstand der Leitung des Roten Kreuzes, wie Hilmar Kaiser ausführte. Zwei deutsche Krankenschwestern, die sich über die Massaker an den Armeniern in Erzincan beklagten, wurden gefeuert und von der Roten-Kreuz-Führung massiv diffamiert, man unterstellte ihnen, als sie armenische Kinder beschützten, sexuellen Missbrauch. Auch der deutsche Konsul Max Erwin von Scheubner-Richter wurde mit Anschuldigungen sexuellen Missbrauchs diskreditiert, weil er armenische Frauen im Konsulat aufgenommen hatte. „Dabei gingen die ersten Hilfsmaßnahmen zugunsten der deportierten Armenier von Armeniern aus“, so Kaiser.

SONY DSC
Hilmar Kaiser (auf dem Podium links), daneben Rolf Hosfeld

Die Oskar Schindlers der Armenier waren drei Personen in Aleppo, wo der deutsche Konsul Walter Rößler gemeinsam mit dem osmanischen Gouverneur Celal Bey, der befohlene Massaker verweigerte, und den Missionsschwestern um die Kölnerin Beatrice Rohner Tausende Armenier rettete, mit Millionen Mark Hilfsgeldern aus Kollekten des katholischen Erzbistums Köln. „Diese drei kann man als Triumvirat im Einsatz für die Armenier bezeichnen“, sagte der norwegische Historiker Sigurd Sverre Stangeland.

Der Historiker Rolf Hosfeld erinnerte noch einmal an Lepsius, dessen 300-Seiten-Bericht über den Armenier-Genozid als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ von 1916 jahrzehntelang die wichtigste Analyse der Verbrechen darstellte und der dem deutschen Reich bereits damals eine Mitschuld an den Massakern zusprach. Doch sei Moralpolitik noch keine Kategorie der internationalen Politik gewesen; internationale Menschenrechtstribunale noch ein fernes Desiderat, Genozid eine neue Art von Verbrechen, die erst definiert werden musste.

Verbindung zum Holocaust

Die Pariser Kaukasushistorikerin Claire Mouradian knüpfte daran an und erläuterte, wie ein im Vertrag von Sèvres geplantes internationales Tribunal im Vertrag von Lausanne 1922 zugunsten einer Amnestie für alle zwischen 1914 und 1922 verübten Verbrechen aufgegeben wurde: „Indem die Henker nicht verfolgt wurden, konnten sie neue Verbrechen begehen. Von dort gibt es eine Verbindung zur Shoa – denn man wusste um die Straflosigkeit des Genozids.“

Es wurde klar, dass die fatale Entscheidung, die Verbrechen nicht juristisch aufzuarbeiten und die Mörder zu amnestieren, als Wegweiser zum Holocaust an den Juden diente. „Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?“, fragte Hitler kurz vor dem Kriegsbeginn 1939. Professor Hans-Lukas Kieser erklärte, dass Jungtürkentum und Kemalismus den Nazis als Vorbild für „Totalismus“ und „totale Revolution“ erschienen; neu am Völkermord an den Armeniern war vor allem das brutale Vorgehen nicht gegen einen äußeren Feind, sondern nach innen.

SONY DSC
Diskussion während des Kongresses (am Mikrophon Jürgen Gottschlich)

Noch ist auch das Lied jener nicht gesungen, die Tausende Armenier retteten, wie der türkische Vali (Gouverneur) von Aleppo. Doch es bleibe den Türken vorbehalten, mehr zu tun und der Forschung endlich auch die Osmanischen Militärarchive in Ankara zu öffnen, in denen beispielsweise die Beweismittel der von Militärgerichten durchgeführten Verhöre und Prozesse liegen, betonte Hilmar Kaiser. Zum Beispiel bestätigte die Gendarmerie im August 1915 die Tötung von 500-1500 Armeniern in einem Prozess, in dem es um Serienvergewaltigungen, Massenmord und Raub ging. „Alles ist in den Akten, aber wir kommen nicht heran. Die türkische Regierung hat eine große Chance, jetzt die militärischen Archive zu öffnen. Wenn der 100. Jahrestag des Völkermords irgendetwas bringt, dann sollte es dies sein“, sagte Kaiser.

Bei einer abschließenden Podiumsdiskussion im Berliner Deutschen Historischen Museum sagte der SPD-Politiker Markus Meckel, es sei an der Zeit, dass das deutsche Parlament nicht nur seine „Scham“ über die deutsche Rolle wie in einer Entschließung vor zehn Jahren bekunde, sondern endlich den Völkermord als solchen anerkenne. Unter Beifall fügte er hinzu: „Ich wünsche mir, dass unser Bundespräsident Gauck am 24. April zum offiziellen Gedenktag in Jerewan ist.“

Sie können mir auf Twitter folgen: @NordhausenFrank

Ein Gedanke zu „Völkermord an den Armeniern – Jahrestag der Verdrängung?

  1. Sehr geehrter Herr Nordhausen,

    sicherlich kennen Sie die Entscheidung des Internat. Gerichtshofs bez. des gegenseitigen vorwurfs Kroatiens und Serbiems waehrend des Jugoslawienkrieges einen Völkermord verübt zu haben. Sicherlich kennen Sie auch die Begründung. Wenn nicht dann empfehle ich Ihnen folgenden Artikel des Spiegels zu lesen.

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/voelkermord-urteil-kroatien-schockiert-ueber-entscheidung-in-den-haag-a-1016534.html

    Insbesondere folgende Passage : „Der kroatischen Führung könne jedoch kein Vorsatz nachgewiesen werden, urteilten die Richter nun einstimmig.

    Zudem stellte das Gericht fest: „Eine ethnische Säuberung ist nicht gleichbedeutend mit einem Völkermord.“ Es gehe bei einem Genozid nicht darum, eine Bevölkerungsgruppe zu vertreiben oder ihr zu schaden, sondern sie zu vernichten. Dies könne auch Kroatien nicht nachgewiesen werden.

    Mit dem Urteil ging das fast 16 Jahre dauernde Völkermord-Verfahren vor dem Uno-Gerichtshof zu Ende. In einem ähnlichen Verfahren, das von Bosnien-Herzegowina angestrengt worden war, hatte der IGH Serbien ebenfalls freigesprochen“

    Sie sehen nicht alles was allgemein als Völkermord bezeichnet wird, ist letzendlich auch ein Völkermord. Das es in Osmanischen Reich eine ethnische Saeuberung gegeben hat, stellt heutzutage kein vernünftiger Mensch in Frage. Auch das es unzaehlige Tote und diverse Massaker gegeben hat ,wir von der Türkei ja nicht bestritten. Bestritten wird nur das es einen Vorsatz gab die armenische Bevölkerung gaenzlich zu vernichten. Wie Sie ja in dem Urteil des IGH ersehen können, ist dies ja die zwingende Bedingung für einen Völkermord. Nun entscheiden Gottseidank Richter über einen Angeklagten und nicht Parlamente oder Zeitungsleser. Jetzt frage ich mich nur warum sich die Türkei nicht vor dem IGH verantworten muss. Wenn denn die armenische Regierung bzw die armenische Diaspora Ihrer Sache so sicher sind, dann frage ich mich ernsterweise warum sich bis dato die Türkei nicht vor dem IGH rechtfertigen muss. Und falls der IGH nicht zustaendig sein sollte, vor irgendeinem internationalem Schiedsgericht.

    Ein Verfahren gibt es nicht. Ein Urteil wird durch Akklamation gefaellt und von der Türkei wird erwartet sich freiwillig zum Schaffot zu begeben.

    Mit freundlichen Grüssen aus Istanbul

    Ahmed Bahadırlı

Kommentare sind geschlossen.