Von Istanbul nach Syrien

Am heutigen Montag war ich in sieben Istanbuler Banken, um eine Überweisung nach Syrien zu tätigen – in die kurdische Metropole Kamischli, in der ich kürzlich acht Tage verbrachte. Aber vergeblich. In Syrien hatte man mir erzählt, dass es möglich sei, über Western Union Geld zu schicken, aber die türkischen Banken belehrten mich eines Anderen. Stets waren die türkischen Bankangestellten sehr freundlich, aber sie sandten mich von einem Institut zum nächsten, und am Ende war ich so schlau wie zuvor. Offenbar ist Syrien jetzt sogar komplett vom internationalen Geldverkehr abgeschnitten. Man kann das symbolisch auffassen. Die Welt hat es aufgegeben, Syrien als Teil von sich zu betrachten. Ich werde mir also etwas einfallen lassen müssen.

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Während der Syrien-Reise mit dem deutschen Linken-Abgeordneten Jan van Aken (Mitte) zeigten uns kurdische Rebellen diese erbeutete Milan-Rakete aus deutsch-französischer Produktion.

Bei den sogenannten Friedensverhandlungen in Genf spielt der syrische Diktator Baschar al-Assad wie gehabt Katz und Maus mit den Oppositionellen. Vermutlich haben ihn die meisten Beobachter und Politiker im Westen massiv unterschätzt. Aber anders als Mubarak in Ägypten oder Ben Ali in Tunesien ist Assad mit allen Wassern gewaschen, weil er sowohl die arabischen Ränkespiele beherrscht wie auch die Mechanismen der westlichen Demokratien durchschaut, schließlich hat er in London studiert. Er ist ein meisterhafter Manipulator, und schon gehen ihm die ersten Politiker im Westen auf den Leim, wenn sie den Massenmörder aus Damaskus jetzt als kleineres Übel gegenüber Al-Kaida bezeichnen.

Viele Vorgänge habe ich auch erst bei meinem Aufenthalt in Kamischli begriffen, wo ich stundenlange Gespräche mit Kurden führen konnte, die die Denk- und Handlungsweise Assads besser verstehen, weil sie sie seit Jahrzehnten kennen. Ein Gesprächspartner, der wie so viele aus der älteren Generation mehrfach von Assads Schergen ins Gefängnis geworfen und gefoltert wurde, sagte mir: „Nichts ist hier, wie es scheint. Du musst lernen, hinter die Fassade zu blicken.“ Viele syrische Kurden, die unter der Knute des Regimes mehr als andere Ethnien zu leiden hatten, zittern vor dem Regime und der Möglichkeit, dass es am Ende doch noch die Oberhand behalten könnte, obwohl sie sich derzeit jeden Tag ein Stück mehr von ihm befreien.

Viele Kurden sind auch überzeugt davon, dass Assad sie inzwischen als gefährlichsten Gegner im innersyrischen Machtkampf ansieht, weil die PKK-nahe Demokratische Unionspartei (PYD), die in Nordsyrien das Sagen hat, flexibel und geschmeidig auf seine Vorstöße und Schachzüge reagiert. Sie glauben, dass sie deshalb so unerbittlich von den al-Kaida-nahen Dschihadisten attackiert werden, weil sie sich der Logik des sektiererischen Krieges entziehen und die Minderheiten in ihrem Machtbereich tolerieren und in die Verwaltung einbeziehen. Sie vermuten, dass das Regime mit den al-Kaida-Gruppen zusammenarbeitet oder sie absichtlich fördert, im Wissen, dass der Westen die Dschihadisten mehr fürchtet als säkulare arabische Tyrannen, mögen sie auch noch so blutrünstig sein.

In der Tat ist es merkwürdig, dass das Regime al-Kaida-Stützpunkte und –Truppen nur selten aus der Luft angreift, während jedes Stadtviertel, dass die moderateren Gruppen einnehmen, dem Erdboden gleichgemacht wird.

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Der Bundestagsabgeordnete Jan van Aken (zweiter von rechts) mit Delegation in Syrien beim Ortstermin bei kurdischen Rebellen nahe Kamischli, ganz rechts: YPG-Sprecher Redur Xelil.

Zu Beginn meiner Syrienreise begleitete ich den Bundestagsabgeordneten und Vizechef der Linken, Jan van Aken und seine kleine Delegation bei zahlreichen Terminen in Kamischli und Umgebung. Als wir mit Kommandanten der kurdischen Selbstverteidigungskräfte (YPG) sprachen, erfuhren wir, dass die Dschihadisten inzwischen mit deutschen Waffen Kurden töten. Aus diesen Informationen entwickelte sich eine Recherche zusammen mit Kollegen vom NDR in Hamburg (Hörfunk und Fernsehen), über die sogar in der ARD-Tagesschau berichtet wurde. Das Ergebnis habe ich für unsere Zeitungen hier und hier aufgeschrieben. Dabei musste manche Information dem knappen Platz zum Opfer fallen. Hier nun die komplette Geschichte:

Deutsche Waffen töten in Syrien

„Sie bringen uns den Tod mit deutschen Waffen.“ Jan van Aken zuckt zusammen, als er den Satz hört, den der kurdische Kommandant sagt. Es ist ein frühlingshafter Januartag, der deutsche Bundestagsabgeordnete und Vizechef der Linken besichtigt ein Ausbildungslager kurdischer Milizen in Nordsyrien. Der 51-jährige Zweimetermann ist mit einer kleinen Delegation in das Bürgerkriegsland gefahren, um sich ein eigenes Bild von der Lage zu machen.

In der Ebene am Rand der Großstadt Kamischli sind 200 Freiwillige angetreten, um die dreimonatige Ausbildung zu absolvieren, viele tragen Jeans und T-Shirts, junge Frauen haben bunte Bänder in ihre Haare geflochten. Mit Kämpfern wie diesen ist es den kurdischen Rebellen gelungen, im Bürgerkrieg das Assad-Regime weitgehend aus den von ihnen bewohnten Gebieten an der Grenze zur Türkei zu vertreiben, diese militärisch zu sichern und den Bewohnern einen fragilen Frieden zu garantieren – auch den Arabern, Christen, Jesiden, Tscherkessen und anderen ethnisch-religiösen Gruppen, die mit ihnen hier leben.

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Angetreten zum Appell: Junge Frauen und Männer der kurdischen Selbstverteidigungsstreitkräfte.
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Rojava nennen die rund 2,5 Millionen Kurden ihr Siedlungsgebiet in Syrien, in dem seit zwei Jahren die sozialistische Demokratische Unionspartei, ein Ableger der Kurdenguerilla PKK aus der Türkei, das Sagen hat. Seither kämpfen die knapp 45.000 Soldaten der kurdischen Selbstverteidigungskräfte (YPG) auch gegen arabische Rebellengruppen, die ihre Region an verschiedenen Fronten attackieren. Die Angreifer sind vor allem Dschihadisten der al-Kaida-nahen Miliz Al-Nusra-Front, die in den eher säkularen Kurden verdammenswerte „Ungläubige“ sehen. 400 gefallene „Märtyrer“ hätten die syrischen Kurden bisher zu beklagen, erklärt der YPG-Sprecher Redur Xelil beim Gespräch mit Jan van Aken im Anschluss an die Parade.

Dann sagt er jenen Satz, der die Gäste aus der Bundesrepublik aufhorchen lässt: „In einem Gefecht an der irakischen Grenze hat uns al-Nusra mit deutschen Panzerabwehrraketen beschossen.“ Als van Aken überrascht nach Beweisen fragt, lässt der 37-jährige Kommandant diese heranschaffen: die Hülle einer abgefeuerten Milan-Rakete aus deutsch-französischer Produktion mit einer Kennnummer, die auf das Produktionsjahr 1976/77 verweist. „Wir haben noch weitere erbeutet“, sagt Xelil. Das Abschussrohr sei den kurdischen Kräften beim Rückzug von al-Nusra in die Hände gefallen. „Wir wissen, dass überall in der Welt mit deutschen Waffen gekämpft wird, aber dass ich in Syrien bei Dschihadisten von al-Kaida eine deutsche Waffe finde, das hat wirklich meinen Horizont gesprengt“, sagt van Aken. „Das halte ich für einen Skandal.“

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Milan-Rakete aus deutsch-französischer Produktion, von Dschihadisten auf Kurden abgefeuert.

Deutsch-französischer Exportschlager

Andere YPG-Kommandeure verschiedener Fronten haben der Berliner Zeitung den Beschuss durch Milan-Raketen inzwischen unabhängig voneinander bestätigt. Die Waffe von Kamischli stammt vermutlich aus einer Lieferung von 4400 Milan-Raketen, die das Assad-Regime 1978 von Frankreich erwarb; den Deal hatte der bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß in Damaskus beim Herrscher Hafiz al-Assad persönlich eingefädelt. Die Ausfuhr der Systeme hatte damals eine Kontroverse im Bundestag und Proteste der israelischen Regierung hervorgerufen.

35 Jahre danach ist diese Milan-Rakete der erste handfeste Beweis für den Einsatz deutscher Kriegswaffen in Syrien überhaupt. Zwar waren die Waffensysteme in Internetvideos zu sehen, bei Kampfeinsätzen konnten sie bisher aber nicht nachgewiesen werden. Die Milan ist eine Panzerabwehrrakete, die aufgrund ihrer Durchschlagskraft sowohl gegen feindliche Panzer als auch im Häuserkampf eingesetzt wird. Im Kampf mit den kurdischen Streitkräften verschafft ihr Besitz den Dschihadisten einen maßgeblichen Vorteil.

Das Waffensystem wird seit 1973 von einem deutsch-französischen Konsortium hergestellt und wurde bis heute in mehr als 40 Länder exportiert. Der Export läuft weiter. Auch die Bundeswehr nutzt diese sogenannte Kleinwaffe, die bis zu drei Kilometer weit fliegen kann. Gegenwärtiger Hersteller ist das europäische Gemeinschaftsunternehmen MBDA, an dem unter anderem EADS-Airbus beteiligt ist. Wesentliche Milan-Teile werden in Deutschland gefertigt, die Endmontage erfolgt jedoch in Frankreich, das in der Regel als Exporteur des Gemeinschaftsproduktes auftritt. Doch kann Deutschland jeden Verkauf durch ein Vetorecht verhindern, das sich die Bundesregierung 1972 für gemeinschaftlich entwickelte Waffensysteme etwa bei Verstößen gegen das deutsche Kriegswaffenkontrollgesetz einräumen ließ und in zwei Fällen auch wahrnahm.

Videos vom Abschuss

Wieso geschah das nicht bei Syrien? „Entweder aus geschäftlichen Gründen oder weil der Bundesregierung unter Helmut Schmidt die deutsch-französischen Beziehungen wichtiger waren als die deutsch-israelischen“, vermutet Rüstungsexportgegner van Aken. „Ich hatte angenommen, dass Deutschland nie Waffen nach Syrien geliefert hat und war deshalb sehr erstaunt, als ich von der Ausfuhr der 4400 Milans hörte. Es ist ein Klassiker: In fast jedem Bürgerkrieg, den wir untersucht haben, sind wir auf deutsche Waffen gestoßen. Dass jetzt aber Al-Kaida-Terroristen damit kämpfen, ist eine neue Qualität.“

Am 15. März vergangenen Jahres eroberten die Al-Nusra-Front und zwei weitere islamistische Brigaden ein riesiges Waffen- und Munitionsdepot der syrischen Armee westlich von Aleppo. Die Rebellen erbeuteten dort unter anderem drei russische Panzer, zahlreiche selbstfahrende Artilleriegeschütze und Armeefahrzeuge sowie Dutzende Munitionskisten, die sie auch selbst filmten. Die Videos stellten sie dann ins Internet. Dabei fielen ihnen 22 Kisten mit je vier Milan-Raketen in die Hände, insgesamt 88 Geschosse. „Milan-Raketen, Allahu akbar, deutsches Fabrikat!“, brüsteten sie sich im Film. Zunächst konnten die Rebellen offenbar mit ihrem Fund nichts anfangen, denn ihnen fehlten die sogenannten „Launcher“, die Abschusseinrichtungen, von denen die Franzosen einst 200 Stück nach Damaskus geliefert hatten.

Drei Monate später präsentierten die Dschihadisten plötzlich stolz Videos vom Abschuss ihrer deutschen Beutewaffen – sie hatten sich, woher auch immer, die passenden Geschütze besorgt. Nur – wie kamen sie an die Abschusssysteme? Nach Ansicht des Berliner Waffenexperten Otfried Nassauer gibt es dafür verschiedene Möglichkeiten: „Entweder sie haben sie bei Kämpfen mit syrischen Einheiten erbeutet, von ihrem Verbündeten Katar geliefert bekommen oder aus dem Irak erhalten.“

Der irakische Diktator Saddam Hussein hatte in den 70er Jahren ebenfalls Tausende Milan-Raketen von Frankreich geliefert bekommen – und dazu 114 Launcher. Die Al-Nusra-Front steht beiderseits der syrisch-irakischen Grenze und hat den deutsch-französischen Verkaufsschlager nachweislich auch schon im Irak eingesetzt. Auf den Internetfilmen sind auch Raketen neueren Baujahrs zu erkennen, wie Registrierungsnummern belegen, die der Frankfurter Rundschau und dem Norddeutschen Rundfunk vorliegen.

Kleinwaffen – die Massenvernichtungswaffen unserer Zeit

Zusätzliche Fotos dokumentieren eine Schiffsladung, die aus Libyen stammte, für die syrischen Rebellen bestimmt war und im April 2012 von den libanesischen Behörden beschlagnahmt wurde. Einige Container enthielten Milan-Raketen mit der deutschsprachigen Aufschrift „Bodenziel“ und dem Kürzel „LFK“, das für „Lenkflugkörper“ steht. Das belegen Fotos des Fundes, die von libanesischen Netzaktivisten veröffentlicht wurden.

Der wirtschaftspolitische Sprecher der CDU/CSU im Bundestag, Joachim Pfeiffer, nimmt den Einsatz von „MILAN“-Raketen im syrischen Bürgerkrieg zur Kenntnis, bewertet sie aber (gegenüber den ARD-Panorama-Kollegen) als „bedauerliche Einzelfälle“ und sagt: „Das kann nicht bedeuten, dass wir von Waffenexporten in Zukunft absehen.“

Bei Waffentransporten über türkisches Gebiet nach Syrien spielt der türkische Geheimdienst MIT die entscheidende Rolle, wie Istanbuler Medien vergangene Woche enthüllten. Die türkische Polizei hatte aufgrund eines anonymen Tipps am Sonntag kurz vor der syrischen Grenze in der Provinz Adana sieben Laster gestoppt. Als sie die Ladung durchsuchte, fand sie Waffen und Munition, die offensichtlich für syrische Rebellen bestimmt waren.

Ein Teil wurde beschlagnahmt, bevor sich der Gouverneur von Adana einschaltete, die Durchsuchung verbot und die Trucks weiterfahren ließ. Er sagte, sie seien im Auftrag des Geheimdienstes unterwegs in einer „Routineoperation“. Damit ist nach Ansicht des türkischen Oppositionsführers Kemal Kılıçdaroğlu bewiesen, dass der Geheimdienst der Türkei selbst Waffentransporte nach Syrien abwickelt. „Es ist eine Schande, dass die Türkei beschuldigt wird, Waffen in einen Bürgerkrieg im Nachbarland zu schmuggeln“, sagte er der Presse in Ankara. „Wie sollen wir das alles in Zukunft erklären?“

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YPG-Kommandeur und -Sprecher Redur Xelil.
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Kurdische YPG-Kämpfer.
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Ausrüstung der YPG-Kämpfer: ein Uralt-Panzer.

Auch für Redur Xelil, den Sprecher der kurdischen Selbstverteidigungskräfte, ist es schwer zu verstehen, warum die syrischen Kurden von häufig ausländischen Dschihadisten mit westlichen Waffen attackiert werden. „Die Freie Syrische Armee gibt es praktisch nicht mehr, es gibt nur noch mehr oder weniger radikale Islamisten – und sie arbeiten dem Regime in die Hände“, sagt Xelil. Er berichtet, dass die militärischen Erfolge der Kurden vor allem ihrer höheren Kampfmoral zu verdanken seien, da sie ihre Heimat verteidigten. „Aber in puncto Bewaffnung sind uns die Islamisten weit überlegen. Wir haben nichts, was wir der Milan entgegensetzen können.“

Jan van Aken wiegt die erbeutete Rakete nachdenklich in der Hand. Kleinwaffen wie sie seien die eigentlichen Massenvernichtungswaffen der heutigen Zeit, sagt er dann, und deutsche Kleinwaffen seien jetzt in einem furchtbaren Bürgerkrieg in die Hände echter Menschenfeinde gelangt. „Das ist ein Skandal, der endlich beendet werden muss. Es gibt keine sicheren Waffenexporte.“

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7 Gedanken zu „Von Istanbul nach Syrien

  1. Die Argumentation, dass im nunmehr zum Religionskrieg mutierten Bürgerkrieg in Syrien, Assad (ein Alawit) mit Al Kaida (Suniten) zusammenarbeitet um gegen die Kurden (sowohl Alawiten als auch Sunniten) zu kämpfen, ist sehr schwer zu begreifen. Erst recht wenn man bedenkt, dass Assads Truppen letztes Jahr mit der PKK/PYD verbündet den Norden Syriens von den Aufständigen (überwiegend Sunniten) befreiten.
    Demnach gibt es in diesem Religions-/Bürgerkrieg keine klaren Fronten und jede Gruppe kämpft gegen jeden. Heute mit dieser Allianz und morgen mit der anderen.
    Im Übrigen herrscht – zumindest in Berliner Kurdenkreisen – zwischen sunnitischen und alawitischen Kurden eine ziemliche Spannung. Auf der einen Seite sind sie in einer Art Burgfrieden zusammen und auf der anderen Seite ziehen sie gleich übereinander her.
    Da wäre es für einen Außenstehenden wie mich interessant, wie homogen „die Kurden“ in Nord-Syrien sind? Können Sie nach Ihrer Reise darüber Auskunft geben? Sind die Kurden in Nord-Syrien überwiegend Sunniten oder Alawiten?
    Noch eine Frage:
    Über die sunnitischen Aufständigen heißt es, die Saudis und Katar würden sie finanzieren.
    Zu Assads Truppen brauchen wir keine Mutmaßung.
    Mit welchen Waffen sind die bewaffneten Einheiten der Kurden ausgestattet?
    Woher beziehen diese ihre Waffen?
    Womit sind diese Waffen finanziert?

    • Hallo Berkay, das sind viele Fragen auf einmal. Ich habe nirgends Assad-Truppen und YPG zusammen agieren sehen und halte das auch angesichts der gegen das Regime gerichteten Einstellung ausnahmslos aller YPG-Kämpfer, mit denen ich sprechen konnte, für ausgeschlossen. Allein während meines Aufenthaltes kam es zu mehreren Zusammenstößen, in einem Fall starben zwei kurdische und fünf Assad-Milizionäre. Die Truppen belauern sich und sind in ständiger Alarmbereitschaft. Die Kurden in Rojava sind überwiegend Sunniten, es gibt aber auch Christen und Jesiden unter ihnen. Die Zahl der Alawiten ist nach meinen Informationen und meinem Eindruck vor Ort nicht bedeutend. Zu den Waffen: Die Kurden haben fast ausschließlich Kleinwaffen (AK-47, Panzerabwehrwaffen, Maschinengewehre) und zwei oder drei von den Islamisten erbeutete Panzer. Die Waffen kaufen sie von Schmugglern oder erbeuten sie vom Gegner. Geldquellen sind schwer recherchierbar. Aber die Ausrüstung und allgemeine Versorgung der YPG-Truppe ist schlecht. Munition wird patronenweise zugeteilt und darf nicht verschwendet werden. Fast niemand hat eine Schutzweste. Was diese Selbstverteidigungskräfte nach m.E. stark macht, ist ihre Verbundenheit mit der Region und ihr Wille, für ihre Heimat und deren Bevölkerung zu kämpfen.

  2. Wäre Frank Nordhausen an dieser Stelle bereit, zu Todenhöfers Friedenszenario für Syrien Stellung zu nehmen? Der Syrien- und Assadkenner Todenhöfer scheint demnach Assad auf dem Leim gegangen zu sein, wenn er in seinen Artikel vom 21-1. 2014 in der SZ fordert: „Verhandelt mit Assad !“
    http://www.sueddeutsche.de/politik/syrien-und-der-westen-verhandelt-mit-assad-1.1867870-2
    Ps. (Was weiß FN über direkte Waffenlieferungen der USA an syrische Rebellentruppen seit Aug. 2013 ?)

    • Lieber Fengler, das Friedensszenario Todenhöfers ist schön und gut und wird ja gerade in Genf ausprobiert, wo Assads Regime mit am Tisch sitzt. Wenn als Ergebnis auch nur eine UN-Hilfslieferung nach Homs oder in die umkämpften Stadtbezirke von Damaskus gelangt, ist schon etwas gewonnen. Demokratische Wahlen sind in Syrien unter den Kriegsbedingungen jedoch undenkbar und könnten auch von niemandem überwacht werden. Ich halte all diese Szenarien gegenwärtig für unrealistisch. Die Russen und der Iran pumpen Waffen nach Damaskus, die Saudis und Katar munitionieren die Al-Kaida-Truppen, die Türkei rüstet die Turkmenen auf, und die USA liefern an die Reste der FSA. Eine Zukunft mit Assad ist m.E. nach für ein geeintes Syrien nicht vorstellbar, da zu viele Familien inzwischen Angehörige verloren haben und Rache wollen. Wenn der Westen und die Türkei einen verlässlichen Partner suchen, dann bieten sich aber die Kurden an – genau wie 2003 im Irak. Auch dort ist die kurdische Region jetzt die einzige, in der Frieden herrscht und die Wirtschaft boomt. Waffenlieferungen der USA an die Rebellen? Darüber weiß ich nicht viel und war in Rojava auch nicht viel zu erfahren. Wie beschrieben, haben die Islamisten Milan-Raketen aus deutsch-französischer Produktion. FN

  3. Die Kurden vermuten, „dass das Regime mit den al-Kaida-Gruppen zusammenarbeitet oder sie absichtlich fördert, im Wissen, dass der Westen die Dschihadisten mehr fürchtet als säkulare arabische Tyrannen, mögen sie auch noch so blutrünstig sein.“ Ich bin sehr verwirrt, aber mir kommt eine verrückte Idee. Wie wäre es denn umgekehrt, wenn Assad die Kurden als Bündnispartner gewinnt, um die mehrheitlichen ausländischen dschihadistischen Kämpfer aus Syrien zu vertreiben? Wäre das denkbar, wenn zuvor Assad seine Schuld ggü. den Kurden eingesteht und um Vergebung bittet? Wären umgekehrt die Kurden bereit, ein Bündnis einzugehen, wenn Assad ihnen weitgehende Autonomie in einem befriedeten Syrien zusicherte? Du schreibst, dass die Kurden 45.000 Soldaten stellen. Die Dschihadisten sollen lt. Todenhöfer nur 25.000 Mann haben. Vereint mit der regulären syrischen Armee scheint es mir eine lösbare Aufgabe zu sein die ausländischen Ultras aus Syrien zu vertreiben. Reines Gedankenspiel natürlich und wahrscheinlich weit an den realen Verhältnissen vorbei. Eine Befriedung von innen heraus bleibt in Syrien wohl unmöglich. Zumindest, solange fremde Mächte weiterhin mit Waffenlieferungen (auch deutschen, was für ein schlechter Scherz) und ihren Schattenarmeen (zb. CIA) ihr giftiges Süppchen in Syrien kochen.

    Übrigens, von welchem Kaliber die fremden Kriegstreiber sind, habe ich dem Tagesspiegel entnommen.
    „Thronerbe Tamim bin Hamad al Thani (Herrscher von Katar seit Sommer 2013) stammt aus dem frommen Flügel der Familie, steht den Muslimbrüdern nahe und ist Vize-Kommandeur der Streitkräfte. Wie viele andere arabische Potentaten wurde er an der renommierten britischen Militärakademie Sandhurst ausgebildet. Er ist verheiratet mit zwei Frauen und hat sechs Kinder. Als politischer Neuling übernimmt er das Kommando in rauen Zeiten, denn auch unter seinen Untertanen wächst die Unruhe über den Kurs des Landes. Immer mehr fürchten, dass Katars feudale Häupter im Nahen Osten längst in einer falschen diplomatischen Gewichtsklasse boxen und bald zu Boden gehen könnten. „Was haben uns die Milliarden an Waffenhilfe in Syrien gebracht?“, zitiert der britische „Economist“ jüngst ein katarisches Regierungsmitglied. „Wir haben Assad nicht gestürzt, aber vier Millionen Menschen obdachlos gemacht.“
    aus:
    http://www.tagesspiegel.de/meinung/portraet-tamimbinhamad-al-thani-neuer-herrscher-von-katar-die-zeit-ist-gekommen/8405688.html

    • Die Islamische Front (IF), Nachfolger der FSA und fast „rein syrisch“ ohne ausländische Kämpfer, hat nach meinen Informationen ebenfalls rund 45000 Soldaten. Die Kurden beharren allen anderen Milizen gegenüber auf ihrer Neutralität des „dritten Weges“, und das scheint mir die richtige Strategie zu sein. Wenn sie sich mit Assad gemein machen – was ihnen (fälschlicherweise) ohnehin von den Dschihadisten vorgeworfen wird – dann bekommen sie es mit der IF zu tun, mit deren moderateren Kräften sie durchaus partiell zusammenarbeiten. Man sollte auch den Freiheitsdrang der Kurden nicht unterschätzen. Ich habe in Rojava nur wenige gefunden, die sich Assad zurückwünschen, und das waren dann meistens Christen. Aber das ist eine andere Geschichte. FN

  4. Alle gegen alle und Deutschland mitten drin, als Unterstützer, von was eigentlich? „Mit der Nationalen Koalition ist kein Staat, kein neues Syrien zu machen: Die Mitglieder sind hoffnungslos zerstritten.“ Tagesschau*. Und wie bestellt tauchen dann auch noch deutsche Waffen auf. U
    nd bei wem, bei den Dschihadisten. Der blanke Wahnsinn. Ich beneide ich nicht 🙂
    *http://www.tagesschau.de/ausland/syrien-hintergrund100.html

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