Was der Türke so trinkt

Der türkische Premier Tayyip Erdoğan ist, wie es sich für einen frommen Muslim ziemt, kein Freund berauschender Getränke. Als kürzlich in Istanbul eine Konferenz über globale Alkoholpolitik tagte, nutzte er die Gelegenheit zu einer Brandrede: „Das Nationalgetränk der Türken ist Ayran, nicht Bier“, sagte er und empfahl den schaumig gerührten, salzigen Joghurt-Trunk als Rückkehr zu alten islamischen Sitten. Seine Philippika gegen „Trinkbräuche, die aus dem Ausland eingeführt wurden“, zielte ganz direkt auf den säkularen Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk, der dem Volk einst geraten hatte, mehr Bier zu trinken. „Man gab damals sogar Kindern Bier“, schüttelte sich Erdoğan.

Weil der Bierkonsum den Genuss von Ayran noch immer weit übersteigt, will Erdogan jetzt Alkoholwerbung in den Medien verbieten und die Alkoholsteuer erneut anheben. Dabei hat er besonders die Studenten auf dem Kieker: „Statt erleuchtet vom Lernen kommt der junge Mann betrunken nach Hause. Statt einen Computer zu tragen, nimmt er ein Dönermesser und geht damit auf seine Freunde los, denn er ist beschwipst. Wenn wir das aber öffentlich kritisieren, fühlen sich manche Leute angegriffen“, wetterte der Premier.

Die Säkularen reagierten mit Sarkasmus, statt – wie so oft – einen neuen Angriff auf die Fundamente des Staates herbeizureden. „Mann, bin ich froh, dass ich nicht in der Nähe einer Uni lebe!“, schrieb ein Leser der Zeitung Hürriyet. „Ich müsste mich vor Tausenden Studenten fürchten, die unter Alkoholeinfluss mit Dönermessern durch die Gegend rennen!“ Und der türkische Verband der Alkoholhersteller meldete einen Tag nach Erdoğans Rede den Anisschnaps Rakı als türkisches Nationalgetränk zum Patent bei der EU an. Eine politische Provokation, denn Rakı, als „Löwenmilch“ verherrlicht, war einst der Lieblingsdrink Atatürks. Rakı, argumentierte der Verband, sei schon seit den Osmanen im Land beliebt. Und überhaupt sei es Erdoğans eigene Regierung gewesen, die ihn 2009 als „nationales Getränk“ schützen ließ.

Das ist wahr. Doch eigentlich haben alle unrecht. Denn der „Vater der Türken“ hatte seinem Volk zwar Bier empfohlen, aber wirklich Erfolg hatte Atatürk mit einem anderen Vorschlag. Statt Kaffee teuer zu importieren, sollten die Türken lieber Tee anbauen, mahnte er. Seither trinkt die Türkei Tee. Immer und überall. Schwarz, stark und mit viel Zucker.

P.S. Dieser Text erschien zum Vater- bzw. Herrentag in der Berliner Zeitung. So war es auch gedacht (danke, liebe Redaktion in Berlin!). Nicht geplant war, was am Tag darauf geschah. Ein Postbote klingelte an unserer Tür und wollte ein riesiges Paket abgeben. Den Empfang mussten wir quittieren. „Hast Du schon wieder Bücher bestellt?“, nölte meine Liebste. Ich wusste keine Antwort, denn ich hatte nichts geordert. „Ehrlich, gar nichts“, verteidigte ich mich. Dann öffneten wir gespannt das Paket, und siehe da: Es war eine Präsentpackung der türkischen Rakı-Industrie. Genauer, der Firma Yeni Rakı (deren sehr empfehlenswerten, ich betone sehr empfehlenswerten! Anisschnaps!) ich gerade jetzt ausprobiere. Darin drei verschiedene 20 cl-Flaschen Yeni Raki und ein Bildband „Rakı – The Spirit of Turkey“.


Das Corpus Delicti

Gar nicht mal schlecht, dachte ich, kann ich alles gut brauchen. Meine Lebensgefährtin sagte begeistert: „Du, die haben deinen Artikel gelesen!“ Wirklich? Ist die türkische Spirituosenindustrie dermaßen auf Draht? Ich konnte es kaum glauben. Dann überfiel mich das schlechte Gewissen. „Um Gottes Willen – ein Bestechungsversuch!“, rief ich (das mir als Investigativjournalisten!). „I wo“, meinte meine Liebste grinsend. „Kann ja gar nicht sein – sie haben das Präsent doch geschickt, nachdem dein Artikel erschienen ist!“ Ich musste ihr Recht geben. Man hatte bei Yeni Rakı meinen Text wohl als Werbung verstanden.

Trotzdem quält mich seither der Gedanke: War das Bestechung? Muss ich mich jetzt bei Transparency International selbst anzeigen? Oder hat Yeni Rakı einfach nur jeden Korrespondenten in Istanbul freundlich bedacht, um die Werbekampagne anzuheizen? Schließlich wurde heute gemeldet, dass Erdoğan demnächst sämtliche Alkoholwerbung verbieten will. Aber nein, dachte ich, das wäre dann doch gar zu profan.