Weiches Wasser bricht den Stein

Das Bedeutsamste an der Gay Pride Parade am Sonntag in Istanbul war, dass so viele Menschen trotz des Verbots und des Ausnahmezustands an ihrem Demonstrationsrecht festhielten. Der Repression unter dem Ausnahmezustand zum Trotz sind auch immer noch viele Leute aktiv, die es sich nicht verbieten lassen, ihre Eindrücke, Fotos und Videos von kontroversen Ereignissen in den sozialen Medien zu teilen. Zudem sendete das Pride Week Committee live im Internet. Dadurch konnte man auch von außerhalb einen ziemlich guten Eindruck davon gewinnen, was am Sonntag zwischen dem Taksim-und dem Cihangir-Platz los war, da ich dieses Jahr leider nicht als direkter Beobachter dabei sein konnte.


Pride Parade 2014 in der Istiklal Caddesi

Mit sechs Wasserwerfern sperrten mehrere Hundertschaften Polizei den Bereich um die Istiklal Caddesi und den Taksim-Platz ab, ein Hubschrauber kreiste in der Luft. Immer wieder schafften es Aktivisten trotzdem, sich zu versammeln, Slogans wie „Liebe, Liebe, Freiheit. Weg mit dem Hass!“ zu skandieren und die Regenbogenfahne zu hissen. Knapp 200 Demonstranten schafften es auch zum Platz, wurden dort aber von der Polizei unter Einsatz von Gummigeschossen vertrieben. 44 von ihnen wurden festgenommen, wie türkische Medien berichteten und offenbar sämtlich in der Nacht oder am Morgen wieder freigelassen. Die Polizei setzte nicht nur Pfeffergas und Gummigeschosse, sondern sogar Hunde gegen mutmaßliche Demonstranten ein.

Auch der niederländische Kollege und Fotograf der Nachrichtenagentur Associated Press, Bram Janssen, wurde festgenommen, ohne dass ihm ein Grund genannt wurde. Er wurde kurz nach Mitternacht freigelassen, wie er in einem Tweet bestätigte. Ich weiß nicht, ob die niederländische Regierung dagegen protestiert hat, aber angebracht wäre es. Der Kollege hat nur seinen Job gemacht.

Gewaltige internationale Reaktion

Die Parade zum Abschluss der Istanbuler Pride Week wird von Aktivisten seit 2003 organisiert. Sie war die einzige Demonstration von Homosexuellen und sexuellen Minderheiten in einem mehrheitlich muslimischen Land in dieser Weltregion. Im Nahen Osten gab es eine Regenbogendemo sonst nur in Israel, wo am 9. Juni Zehntausende friedlich wie immer durch Tel Aviv zogen. Doch erstmals haben Aktivisten noch in einem anderen Land der Region trotz massiver Drohungen islamistischer Gruppen in diesem Jahr ebenfalls eine Pride Parade abgehalten: Am 17. Mai hissten sie die Regenbogenfahne in der libanesischen Hauptstadt Beirut. Was kann die libanesische Polizei, was die türkische nicht fertig bringt?

In Istanbul fand die Pride Parade ab 2003 zwölf Mal statt, bis sie 2015 erstmals verboten wurde. Damals verwies der Gouverneur der Stadt auf den für Muslime heiligen Monat Ramadan. Dennoch gingen Tausende friedlich auf die Straße, die die Polizei mit Wasserwerfern und Tränengas auseinander jagte. Die Bilder von Menschenjagden, Gas- und Gummigeschosseinsätze gegen meist kleine, aber lautstarke Demonstrantengruppen in den engen Gassen um die Istiklal Caddesi vom Sonntag erinnerten mich an unzählige frühere Vorkommnisse in unserem Viertel, die meist überhaupt kein Medienecho hervorriefen. Das war diesmal anders. Die internationale Resonanz auf die Gewalt gegen die Pride Parade war gewaltig, ihr Tenor war kritisch und angewidert.

Surrealer Polizeieinsatz

Genau das ist es, was die Regierung in Ankara nicht versteht: Die Einsatzdichte der Polizei steht in direkter Korrelation zur internationalen Aufmerksamkeit. Zu Recht nannte Andrew Gardner, der Amnesty-Korrespondent in der Türkei, den Istanbuler Polizeieinsatz auf Twitter „surreal“. Denn die Regierung erzeugt durch ihre unangemessen harte Reaktion ein Wahrnehmungsbild von David gegen Goliath, das für die Medien immer von Interesse ist, weil es eine hohe Fallhöhe beinhaltet.

Staatspräsident Erdoğan macht damit einen Fehler, der Regierungen überall unterläuft, wenn sie hochgerüstete Hundertschaften in den „Kampf“ gegen friedliche Demonstranten schicken: Sie verlieren immer. Das internationale Echo ist absehbar verheerend. Das wird sich vermutlich unmittelbar auf Touristen auswirken, die inzwischen vielleicht doch mit dem Gedanken spielten, nach Istanbul zu reisen. Keine Frage, die Regierung hat der leidenden Tourismusindustrie einen neuen harten Schlag verpasst.

Der Istanbuler Gouverneur hatte die Parade für die Selbstbestimmungsrechte sexueller Minderheiten (LGBTI) am Sonnabend verboten, weil sie „die Sicherheit von Bürgern und Touristen sowie die öffentliche Ordnung“ gefährde. Die Veranstalter hatten dennoch zur Teilnahme aufgerufen. Es kam zu grotesken Szenen, die teilweise fotografiert und ins Netz gestellt wurden: Ein junger Mann musste sein T-Shirt ausziehen, weil darauf „Pride“ stand, eine junge Frau wurde an einer Polizeikette aufgehalten, weil sie ein Hemd mit einer rebellischen Aufschrift trug, in Cihangir wurden Leute ohne erkennbaren Grund festgenommen.

Das alles ist lächerlich und absurd. Es ist genauso bizarr wie die Tatsache, dass die ganze Gegend um die Mündung der Istiklal Caddesi in den Taksim-Platz, der Schauplatz des Polizeieinsatzes, sich in den vergangenen Monaten zu einem Schwulenquartier entwickelt hat, in dessen zahllosen Rotlichtbars vor allem männliche arabische Touristen – die meisten sicher „gute Muslime“ – begrüßt werden. Und auf der Straße stehen nachts die syrischen Prostituierten.

Absage trotz ordnungsgemäßer Anmeldung

Ein angeblicher Grund für das Demonstrationsverbot, der in sozialen Medien kursierte, beruht auf fake news. Darin wurde zu Unrecht behauptet, dass die Demo nicht angemeldet worden sei. Das ist falsch, wie die Veranstalter in Presseerklärungen klar machten. Sie hatten die Pride Parade bereits vor einigen Wochen ordnungsgemäß beim Gouverneur angemeldet, die Absage erfolgte wie häufig in allerletzter Sekunde, offiziell weil es Drohungen gewalttätiger Gruppen gegen die Demo gegeben habe. Nicht etwa, weil die Demonstrationsteilnehmer selbst zur Gewalt neigen, was sie erwiesenermaßen nicht tun.

In den türkischen Medien wurden auch die Bayram-Feiern nach dem Ramadan als Grund für die Absage genannt. So wurde mit vorgeschobenen Gründen erneut eine Veranstaltung verboten, die jahrelang stattfinden durfte und bei der 2014 noch 100.000 Menschen mitmachten. Das sind auch in der Megastadt Istanbul ziemlich viele Menschen.

Pride Parade in Istanbul 2014 mit rund 100.000 Teilnehmern und total friedlich.

Die Veranstalter erklärten dazu in einer Pressemitteilung, ihr Marsch finde aus historischen Gründen zur Erinnerung an die Stonewall Riots in der Christopher Street in New York vom 28. Juni 1969 jedes Jahr in der letzten Juniwoche statt und habe mit dem Ramadan nichts zu tun – wie überall in der Welt. „Wir haben keine Angst, wir sind hier und wir werden uns nicht ändern! Ihr habt Angst, ihr müsst euch ändern, ihr müsst euch daran gewöhnen“, formulierten sie. Zwölf Jahre lang hätten die Pride-Märsche im Juni „die Straßen in den Regenbogenfarben bemalt“ und ihren Wunsch nach Freiheit ausgedrückt. „Sie wollen, dass wir uns verstecken und unsichtbar sind. Doch gerade die Sichtbarkeit ist unser Schutz.“

Tatsächlich kommt es in der Türkei immer wieder zu Übergriffen gegen sexuelle Minderheiten. Andererseits ist die Türkei neben dem multireligiösen Libanon das einzige muslimische Land, in dem Schwule, Lesben oder Transsexuelle überhaupt die Möglichkeit haben, sich öffentlich vernehmbar zu äußern.

Gewaltloser Widerstand

Sicher: Wenn eine Demonstration gewalttätig zu werden droht, ist eine entsprechende polizeiliche Reaktion (wie bei den G-20-Demos) vertretbar. Aber das trifft auf die Istanbuler Pride Parade eben gerade nicht zu. Die LGBTI-Gemeinde in Istanbul hat bei einem Dutzend genehmigter Aufzüge seit 2003 in der Istiklal Caddesi bewiesen, wie gewaltlos und fantasievoll sie sich auf der Straße bewegt. 2013 und 2014 habe ich die riesigen Pride-Märsche mit bis zu 100.000 Teilnehmern beobachtet und fotografiert. Ein Fest der Sinne, der guten Laune, der „anderen“ Türkei.

Auch früher drohten rechtsradikale Gruppen wie diesmal wieder mit Übergriffen, schreckten aber dann angesichts der schieren Masse der LGBTI-Demonstranten letztlich davor zurück. Falls es doch Rempeleien gab, schritt die Polizei ein und unterband diese. Das ist auch ihre Aufgabe im demokratischen Staat. Sie muss legale Demonstrationen vor Gegendemonstranten schützen. Dass sie dazu in der Lage ist, beweist die türkische Polizei derzeit täglich beim „Marsch für Gerechtigkeit“ des CHP-Vorsitzenden Kemal Kılıçdaroğlu, der von Ankara nach Istanbul läuft, um gegen das offensichtlich politisch motivierte Unrechtsurteil gegen den CHP-Vizechef Enis Berberoğlu zu protestieren. Inzwischen folgen ihm täglich Zehntausende, und die Polizei schützt sie.

Diese und die Erfahrungen der Vergangenheit beweisen denn auch, worum es wirklich geht. In den beiden vergangenen Jahren wurde die Pride Parade verboten, weil sie in den Ramadan fiel und angeblich religiöse Gefühle verletzt werden könnten – als ob das in einem säkularen Staat wie der Türkei eine angemessene Begründung wäre. Aber okay, der Klügere gibt nach. In diesem Jahr war die Parade aber auf den Tag nach dem Ende des Ramadan terminiert, und wieder passte es nicht. Prompt fand man eine neue Begründung für das Verbot, ähnlich wie bei der Rabulistik für die Verbote der Maidemonstrationen auf dem Taksim-Platz.

Moralischer Sieg der Demonstranten

Ebenso wie die Maidemos wird die Pride Parade erkennbar aus politischen Gründen verboten und aufgelöst, weil sie der reaktionären Geisteshaltung und den Dogmen des islamistischen Gesellschaftsumbaus der AKP widerspricht. Prinzipien wie sie zum Beispiel der ägyptische Fundamentalist und Erdoğan-Freund Yusuf al-Qaradawi vertritt, der Starprediger der Muslimbruderschaft, der in einem seiner populären YouTube-Videos klar sagt: „Die Frage ist, ob wir Schwulsein als illegal bewerten. Und ja, das müssen wir in jedem Fall tun.“

Der Prediger weiß vielleicht nicht wirklich viel von der Kulturgeschichte des Islam, denn sie ist keinesfalls rein homophob. Wer muslimische Länder kennt, weiß, wie stark Homosexualität dort verbreitet ist – zwar offiziell kriminalisiert, aber letztlich ein offenes Geheimnis. Tatsächlich hat die Verfolgung Homosexueller wenig bis nichts mit dem Islam zu tun. Der moderne Schwulenhass in muslimischen Ländern ist insgesamt ein relativ neues Phänomen, das erst durch den Einfluss der europäischen Kolonialmächte ab etwa 1850 virulent wurde.

Am Sonntag haben die Demonstranten in Istanbul einen moralischen Sieg errungen. Die unerschrockenen Aktivisten machen ebenso wie die Gerechtigkeitsläufer von Kemal Kılıçdaroğlu Hoffnung darauf, dass die türkische Zivilgesellschaft das social engineering der Islamo-Nationalisten nicht mehr ohnmächtig erduldet. Am selben Tag, an dem Erdoğan einen Schwächeanfall erlitt.

Bericht auf der Website Al-Monitor.

Großartig finde ich es, dass es Aktivisten gelang, das Beleuchtungs-Computerprogramm der ersten Bosporusbrücke so zu manipulieren, dass die Brücke eine Nacht lang in den Regenbogenfarben der LGBTI erstrahlte. Ebenso fabelhaft war die Solidarität des niederländischen Generalkonsuls in Istanbul, der am Konsulat in der Istiklal Caddesi eine riesige Regenbogenfahne hisste. Es gab weitere Solidaritätsaktionen. Und immerhin gehört die überwiegend muslimische Türkei noch zu den wenigen Ländern in der Region, in denen Homosexualität nicht verboten ist. Aber wie lange noch?

Erfreulicherweise hat die türkische Zivilgesellschaft aus der Gezi-Erfahrung gelernt. Auf friedfertigen Widerstand ist die Regierung offenbar nicht vorbereitet und reagiert zunehmend hilflos darauf (wie auch auf den dramatischen Hungerstreik der beiden Akademiker Nuriye Gülmen und Sehmi Özakca, die ihre Jobs zurückhaben wollen). Was wir gerade erleben, hat deshalb eine historische Dimension. Massenhaften gewaltlosen Widerstand hat es in der Türkei noch nie gegeben. „Wir wollen wie das Wasser sein, das weiche Wasser bricht den Stein“, hieß es in der Hymne der legendären niederländischen Band Bots, das die Friedensbewegung der 1980er Jahre begleitete. Es bleibt spannend in der Türkei.

Pride Parade 2014 in Istanbul.

 

Fotos von der Pride Parade 2014: Frank Nordhausen

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