Weihnachten in Istanbul

Liebe Blogleser/innen, fröhliche Weihnachten wünsche ich Ihnen allen! Weihnachten in Istanbul fühlt sich seltsam an, weil hier zwar Weihnachtsdekorationen, Weihnachtsbäume und sogar Weihnachtsmänner in den Innenstadtvierteln seit Anfang Dezember das Bild bestimmen, aber zum Fest selbst ganz normaler Alltag herrscht. In der Türkei leben mehr als 98 Prozent Muslime, und die feiern Weihnachten nicht – sie tun nur so. Die Weihnachtsatmosphäre dient sozusagen der Vorbereitung auf Silvester, das viele Türken zelebrieren. Aber wenn sogar „Jingle Bells“ und „White Christmas“ aus den Shops in der Istiklal Caddesi tönen, dann kommt man schon ins Grübeln.

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Weihnachtsdeko in der Istiklal Caddesi.

Nun ja, das ist wohl ein Effekt der Globalisierung. Wer will, kann aber nach westlicher Art Weihnachten begehen. Freunde sind immer verblüfft, wenn ich ihnen bei Rundgängen durch Beyoğlu, Sultanahmet oder auch Kumkapı die zahlreichen Kirchen zeige, die hier in Istanbul stehen. Die Leute glauben immer, dass es in der Türkei keine Kirchen gibt, weil in Deutschland viel Unsinn über das Land verbreitet wird. Aber zum Beispiel rund um die Istiklal Caddesi findet man mindestens so viele Kirchen wie Moscheen. Eine Weihnachtsmesse zu besuchen ist kein Problem, die werden in mehreren Gotteshäusern abgehalten – die vollste sicherlich in der katholischen St. Antonius-Kirche in der Istiklal Caddesi.

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Die weihnachtliche Istiklal Caddesi. Dort entstanden auch die Schaufenster-Fotos.
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Da ich heute frei hatte (morgen erscheint ja keine Print-Zeitung in Deutschland), schlug meine Liebste vor, wegen der spirituellen Atmosphäre einfach nach Eyüp am Goldenen Horn zu fahren, wo bekanntlich das viertwichtigste muslimische Heiligtum liegt. In der dortigen Eyüp-Sultan-Moschee ist ein Gefährte des Propheten Mohammed namens Abu Ayyub al-Ansaris begraben. Selbst heute, unter der Woche, herrschte dort ziemlicher Betrieb, viele Gläubige besuchten die Heiligen Stätten.

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Im Innenhof der Eyüp-Sultan-Moschee.
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Die Eyüp-Sultan-Moschee.

In den Gassen um die zwei Moscheen und die zahlreichen Grabmäler fühlten wir uns für zwei Stunden wie in einer anderen Welt. Es war ruhig und erholsam, die Hektik der Millionenstadt schien meilenweit entfernt. Mich erinnerte der Besuch an die Atmosphäre um die Basilica de la Guadelupe in Mexico City, ebenfalls ein Wallfahrtszentrum inmitten einer Megacity.

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Tor zum Hof der Eyüp-Sultan-Moschee.
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Gläubige vor der Moschee.
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In den umliegenden Gassen.
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Auch wenn es mit unserem Weihnachten nichts zu tun hatte, tat uns der Aufenthalt in Eyüp emotional gut, weil es dort festlich zuging und die frommen Leute gut gelaunt waren. Das ist ja in diesen Tagen in der Türkei, während der eskalierenden Regierungskrise infolge des größten Korruptionsskandals der neueren türkischen Geschichte, nicht selbstverständlich. Ich habe in der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau einiges darüber geschrieben, zum Beispiel hier und hier und hier. Wir sind wohl nicht die einzigen, die die Ereignisse atemlos verfolgen – das ist aufregender als eine der neuen amerikanischen TV-Serien.

Was Weihnachten angeht, so haben hiesige islamistische Studenten beschlossen, dass sie gegen diese westliche Unsitte einschreiten müssen und für den zweiten Weihnachtsfeiertag eine Protestveranstaltung und Pressekonferenz angekündigt. Das Plakat dazu zeigt einen erbosten Bart- und Käppiträger, der den Weihnachtsmann verprügelt, mit der Überschrift: „Keine Weihnachts- und Silvesterfeiern!“ Das ist recht humorlos, aber ganz verdenken kann man es den jungen Leuten nicht, wenn ich daran denke, welche Aufregung beispielsweise geplante Minarette in Deutschland oder der Schweiz hervorrufen. Auch im Istanbuler Stadtbezirk Şirinevler hat ein Imam ein Transparent zum Protest gegen Weihnachten aufgehängt, Text: „Der Weihnachtsmann kommt nicht nach Şirinevler!“ Alles in allem aber hält sich der Zorn der türkischen Muslime über den westlichen Kulturimperialismus sehr im Rahmen.

Im Übrigen finde ich, dass Bundespräsident Gauck zu Recht in seiner Weihnachtsbotschaft mehr Hilfe für syrische Flüchtlinge in Deutschland fordert. Zum Vergleich: Die Türkei hat rund eine Million Syrer aufgenommen, Deutschland bisher 5000. Das ist beschämend.

Nichtsdestotrotz schöne Feiertage!

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In der weihnachtlichen Istiklal Caddesi.
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Weihnachtsbaum auf dem Taksim-Platz.

6 Gedanken zu „Weihnachten in Istanbul

  1. naja, die tuerkei war vor eroberung der tuerken ein christliches land mit jahrtausend alter christlicher kultur. das zu vergleichen mit einer zugewanderten und gefuehlten intoleranten religion von vor 60 jahren, ist nicht sehr hilfreich.

    • Wieso glauben Sie, dass der Islam intolerant sei? Ich lebe in der Türkei und mache Tag für Tag andere Erfahrungen. Dummköpfe und Ignoranten gibt es überall. Hat aber nichts mit dem Islam oder dem Christentum zu tun. FN

      • Frank N sagt es richtig. Ich machte in der Türkei bezüglich der Religion des Islams auch fast nur gute Erfahrungen. Und dies seit 50 Jahren ! Damals studierte ich an der Istanbul Üniversitesi und machte dort osmanisch-türkische Handschriften-Forschungen. Als Kosmopolitin lebe ich in Istanbul und in Deutschland. Begeistert bin ich noch immer von der Freundlichkeit und Herzlichkeit der türkischen Menschen. Und zu Weihnachten kann man in Istanbul ( und auch anderswo in der Türkei ) ganz in Frieden seinen Weihnachtsbaum schmücken und die Kerzen anzünden. Oftmals erlebt man in Istanbul sogar weiße Weihnachten. Liebe Grüße von Gülistân.

    • Ja, und vor der Eroberung Anatoliens durch die Christen, war die Türkei ein Jahrtausend altes polytheistisches Land. Ach ja, und vor der gewaltsamen Christianisierung Europas war Europa voll noch mit einer lebhaften heidnischen Kultur.
      Ach ja, Trier, Xanthen und Köln wurden ja von den Römern gegründet.
      Wie weit wollen wir zurückgehen? Alternativ könnten sie ja mal nachdenken, bevor sie etwas schreiben oder ihren Dünnpfiff im PI-Forum loswerden. Da werden sie vermutlich auf gleichgesinnte treffen!
      Alternativ könnte

  2. Weihnachten in der Türkei , in Istanbul, fühle ich mich recht wohl mit Christmette und Weihnachtsbaum. Und der wahre Islam ist eine wunderbare Religion. Er stört nicht die Sitten der Christen. Studieren Sie doch einmal den Koran und lesen Sie hierzu die Bücher des hervorragenden Wissenschaftlers und ehemaligen Dekans der Istanbul Üniversitesi, Yasar Nûrî Öztürk. Sie wissen dann, dass die drei Weltreligionen bzw. Juden, Christen und Muslime, als Schriftbesitzer, ( ahl al-kitâb ) nur e i n e n G o t t anbeten ! Man darf den Islam nicht mit den Islamisten verwechseln ! Liebe Grüße von Gülistan aus Levent / Istanbul, Türkiye.

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