Zurück am Bosporus

Werte Leserinnen und Leser, nach einer längeren Urlaubs- und Krankheitspause – mir wurden in Berlin die Mandeln entfernt – bin ich seit gestern zurück in Istanbul. Am meisten überrascht war ich darüber, dass der Winter, den ich bei meiner Abreise vor einem Monat eigentlich in Berlin vermutet hatte, sich hier am Bosporus breit gemacht hat. Gestern hatten wir regelrechtes Schneetreiben, ein Wetter, wie man es sich zu Weihnachten in Berlin gewünscht hätte. Heute morgen sah die Stadt dann zauberhaft weiß aus und so ganz anders als gewohnt. Doch nicht alles am Schnee ist schön: Gestern brach erwartungsgemäß der Verkehr total zusammen, man hörte und sah allenthalben die Feuerwehr ausrücken, teils mit großen Leiterwagen. Die Fähren über den Bosporus funktionierten aber tadellos.

Bewundernswert ist einmal mehr die Reaktion der hiesigen Geschäftswelt auf die Veränderung der Wetterverhältnisse. Der Wintereinbruch hat ihre ganze Kreativität gefordert – und sie hat den Anforderungen mustergültig entsprochen. Die Auslagen der Geschäfte sind voll mit Winterwaren, die wer weiß woher plötzlich auftauchen und sogar schon als „Indirim“, Ausverkauf, angepriesen werden. Ich schwöre, dass vor einem Monat gefütterte Winterstiefel, Michelinmännchen-Daunenjacken oder Arktis-taugliche Mützen höchstens auf entschiedene Nachfrage zu bekommen waren – heute habe ich die überbordende Auswahl an Winterkleidung staunend betrachtet und mich gewundert, wo das ganze Zeug plötzlich herkommt? Im Saturn-Elektromarkt (den gibt’s hier in Istanbul dreimal) wurden Heizventilatoren, das Stück zu 12,50 Euro, zu einer Kartonsäule aufgetürmt und – soweit das zu beurteilen war – rasend schnell abverkauft. Kein Wunder, es ist kalt, die Wohnungen sind schlecht isoliert (auch bei uns pfeift der Wind ins Zimmer), und viele Häuser haben keine Heizungen. Schon im Sommer, wenn es mal regnete, habe ich mich immer gefragt, wo die Straßenverkäufer so schnell die gewaltigen Mengen an Schirmen organisierten, die sie feilboten. Es muss verborgene Lager geben für jede klimamäßige Eventualität.


Schneetreiben in Istanbul

Im Übrigen weckte uns Istanbul gestern Morgen mit Melodien und Sprechchören, deren den Morgen strukturierende Regelmäßigkeit ich schon fast wieder vergessen hatte, und die mich nicht nur im Sinne des Wortes aufrührten, sondern diesmal wie ein lieber Willkommensgruß des Gastlandes wirkten. Gegenüber unserem Wohnhaus liegt eine Grundschule, und dort wird wie an allen türkischen Schulen der Wochenbeginn mit einem Fahnenappell und der Nationalhymne begangen: „Korkma, sönmez bu safaklarda yüzen al sancak“ – „Fürchte nicht, die in der Morgendämmerung wehende rote Fahne wird nicht vergehen . . .“ Die Schüler stehen dabei auf dem Hof stramm und krähen kräftig mit (auch bei Regen und wie sich jetzt zeigt – Schnee). Anschließend rufen sie mit geballter kindlicher Stimmenwucht ihren Schwur auf die Türkei und das Türkentum in den frischen Morgen. Nun ja, ich stand praktisch senkrecht im Bett und dachte daran, dass ich hier ein Ritual erlebe, das wie der Pionierappell in der DDR vielleicht doch nicht für die Ewigkeit angelegt ist. Und befand mich im Geiste schon wieder in der türkischen Politik. Dann einen Moment Ruhe, gefolgt von der netten Aufforderung der weiblichen, gar nicht unerotischen Lautsprecherstimme: „Iyi dersler“ – „gute Unterrichtsstunde“, liebe Kinder… Und das ganze Viertel nimmt Morgen für Morgen daran regen Anteil, gezwungenermaßen. Aber schön ist es doch. … Manchmal. … Wenn man gerade aus Deutschland zurückkommt.

Ein Gedanke zu „Zurück am Bosporus

  1. Guten Morgen Herr Nordhausen, schön, dass Sie wieder gesund sind. Mit Ihren Zeilen haben Sie ein sehr interessantes Bild gemalt. Am liebsten würde ich aufbrechen. Und ich warte auf Ihren nächsten Beitrag. Thomas Frank

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