Blog geht wieder

Liebe Blogleserinnen & Blogleser, Sie haben es wahrscheinlich gemerkt: Mein Blog aus Istanbul funktioniert wieder. Wir hatten erhebliche technische Probleme, von denen ich nichts verstehe (muss ich auch nicht), nur so viel wurde mir klar: Die Firma, die unsere Berliner-Zeitung-Blogs im Internet verwaltet, hatte plötzlich entschieden, uns woanders unterzubringen und hatte uns davon nichts gesagt. Wenn Sie überrascht waren, dass der „Gruß vom Bosporus“ abgeschaltet war, dann war ich es mindestens genauso. Ich halte es auch für uncharmant, dass eine Firma eine solch einschneidende Operation ohne jede Vorwarnung durchführt. Das ist ja fast wie bei der Telekom.

Okay, nun bin ich also wieder online und hoffe, es auch zu bleiben. Aus Istanbul ist zu vermelden, dass der Winter zurückgekehrt ist, nachdem zwischenzeitlich Frühlingsgefühle ausgebrochen waren. Die Tauben gurrten schon auf unserem Balkon und suchten offenkundig nach einem Nistplatz, und die ersten Mücken des Jahres machten mit ihrem Sirren auf sich aufmerksam. Unfassbar – im Januar! Insofern ist es begrüßenswert, dass es jetzt wieder schneit und die Temperaturen im Keller sind. Allerdings sieht Istanbul dann immer trübe aus und man wird schmerzlich an Orhan Pamuks Hüzün-Melancholie erinnert (bitte in seinem Istanbul-Buch nachlesen).

An den folgenden Tagen werde ich Ihnen ein paar Texte anbieten, die ich während der einmonatigen Zwangspause des Blogs für unsere Zeitungen verfasst habe. Noch sind es ja zwei Zeitungen, neben der „Berliner“ unser Schwesterblatt Frankfurter Rundschau. Leider ist die Frankfurter Traditionszeitung insolvent und wird wahrscheinlich demnächst eingestellt oder verkauft, jedenfalls steht zu erwarten, dass unsere innige Verbindung abreißen wird. Das ist eine Tragödie, umso mehr, als die FR wahrscheinlich von ihrem ewigen Konkurrenten FAZ geschluckt werden wird. Wer hätte das jemals für möglich gehalten?

Aber die Zeiten ändern sich. Vor der Frankfurter Rundschau gab schon die Financial Times Deutschland (FTD) den Löffel ab, was mir für die betroffenen Kollegen total leid tat, andererseits auch ein irritierendes, aber nicht zu leugnendes Gefühl von Genugtuung hervorrief. Bei all den teils heuchlerischen Grabgesängen auf die FTD wurde nie erwähnt, dass dieses Blatt von demselben Konzern Gruner & Jahr ins Leben gerufen wurde, der damals die durchaus prosperierende Berliner Zeitung abgestoßen und einem ungewissen Schicksal und damit den britischen Heuschrecken überantwortet hatte. Für unsere Belegschaft begann zu jener Zeit ein jahrelanger Kampf.

Jetzt war zu lesen, dass in die FTD, die überhaupt niemals Gewinn erwirtschaftete, im Lauf der Jahre 250 Millionen Euro flossen – man stelle sich vor, wie die Berliner Zeitung mit diesem Geld hätte herausgeputzt werden können! Erich Böhme hatte sie bekanntlich einmal zur Washington Post Deutschlands erkoren. Aber nein, man wollte trotz des prestigeträchtigen Namens nicht in eine bestehende Tageszeitung investieren (wie langweilig!), es sollte etwas völlig Neues her, man wollte das Rad neu erfinden. Der Mann hinter dem sagenhaften Manöver „Wie verbrenne ich die Millionen?“ hieß übrigens Thomas Middelhoff, damals Vorstandsvorsitzender bei Bertelsmann. Ja – genau der.

Soviel zur finsteren Vergangenheit und zurück in die strahlende Gegenwart. Die wichtigste Nachricht aus der Türkei betraf in der vergangenen Woche die neueste Wendung im Endlosprozess gegen die Soziologin und Schritstellerin Pınar Selek. Sie bekam lebenslänglich für eine Tat, die sie offensichtlich nicht begangen hat, und die Universität Straßburg bezeugte ihr in einer wunderbaren Geste Respekt für ihre Courage – der Lehrbetrieb ruhte aus Protest am Tag nach dem Urteil. Mein Artikel dazu erschien am 26. Januar in der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau:

Keine Beweise, aber lebenslang

Kafkaesk ist das passende Wort, um den Willkürprozess gegen Pınar Selek in Istanbul zu charakterisieren. Dreimal freigesprochen, wurde die angesehene Soziologin und Schriftstellerin am Donnerstag beim vierten Mal vor dem Obersten Berufungsgericht der Türkei in Abwesenheit schuldig gesprochen und zu lebenslanger Haft verurteilt – für ein angebliches Terrorismusverbrechen, das sie offensichtlich nicht begangen hat. „Drei Freisprüche, einmal lebenslang“, titelte die liberale Tageszeitung Radikal.

Demnach soll die 41-jährige, derzeit in Straßburg lebende Autorin, 1998 einen Bombenanschlag auf dem historischen Istanbuler Gewürzmarkt geplant haben, bei dem sieben Menschen ums Leben kamen. Die Beweise? Das unter Folter erzwungene „Geständnis“ des einzigen Belastungszeugen, den die Angeklagte noch nie zuvor gesehen hatte. Dazu eine fabrizierte Anklage, die mehrere forensische Gutachten ignorierte, wonach die Explosion durch austretendes Gas ausgelöst worden war.

Es ist ein politischer Prozess mit politisch motivierten Vorwürfen gegen eine Frau, die stets glaubhaft ihre Unschuld beteuert hat. Sie wird aber von der türkischen Justiz unerbittlich verfolgt, weil sie es in den Neunzigerjahren wagte, für eine soziologische Studie kurdische PKK-Kämpfer über deren Motive und Lebensläufe zu befragen. Zweieinhalb Jahre lang wurde sie eingesperrt und nach eigenen Angaben schwer gefoltert, um die Namen ihrer Interviewpartner preiszugeben – doch sie schwieg. Die Istanbuler Justiz sprach sie zuletzt 2011 von allen Vorwürfen frei, doch der Oberste Gerichtshof hob die Urteile immer wieder auf, obwohl es keine neuen Fakten gibt.

Anders als viele namenlose Opfer der türkischen Justiz, die im Namen eines unerbittlich nach Staatsfeinden fahndenden Staates in den Gefängnissen schmoren, ist Pınar Selek prominent genug, um Aufsehen in Europa zu erregen. Am Donnerstag protestierten mehr als 150 Unterstützer aus der Türkei, Frankreich und Deutschland, darunter der deutsche Enthüllungsjournalist Günter Wallraff, vor dem Istanbuler Gericht gegen das Willkürverfahren. Pınar Selek sagte der türkischen Zeitung Hürriyet, sie habe ein solches Urteil trotz des skandalösen Zustandes der türkischen Justiz nie für möglich gehalten. „Ich will meinen Freispruch zurück.“

Das Urteil fiel in einer Woche, in der neun als Bürgerrechtler bekannte Rechtsanwälte unter hanebüchenem Terrorverdacht verhaftet wurden – aber zu einem Zeitpunkt, als Brüssel gerade signalisierte, drei bislang blockierte Verhandlungskapitel des türkischen EU-Beitritts zu eröffnen, darunter, man höre und staune: Justiz. Pınar Selek will jetzt vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg ziehen und erwägt, politisches Asyl in Frankreich zu beantragen.

2 Gedanken zu „Blog geht wieder

  1. In der Tat, es war die Technik. Danke, dass Sie meinem Blog treu bleiben! FN

  2. Also die Technik war schuld.Bin beim Anklicken immer auf eine andere Webseite gelangt und glaubte man will es blockieren.
    Endlich sind Sie wieder da.Ich dachte schon, es ist Ihnen was passiert.
    Bin z.Zt. wieder in Berlin und freue mich über jeden Artikel von Ihnen.
    Viel Erfolg weiterhin in Istanbul.

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