Der Bosporus im Nebel

Der Sonnabend war einer dieser berüchtigten Tage, an denen direkt am Bosporus wohnende Istanbuler Angst haben, dass einer die Meerenge passierenden Riesentanker sich aus Versehen in ihr Haus bohrt – weil der Käpt’n im Nebel den Überblick verliert. Einer dieser mystischen Nebeltage mitten im schönsten Sonnenschein. Wir hatten uns für den freien Tag eigentlich vorgenommen, endlich mal die lange Bosporustour zu buchen und mit dem Boot bis zum Schwarzen Meer zu fahren. Doch bereits beim Aufstehen befielen uns tiefe Zweifel, ob das wohl opportun sei, denn wir konnten die erste Bosporusbrücke vor lauter Nebelschwaden nicht sehen – und das ist selbst im Winter selten. „Mal abwarten“, sagte ich zu meiner Lebensgefährtin, „es klärt sich ja meistens noch auf.“


Der vernebelte Bosporus-Anleger in Beşiktaş

Tat es aber nicht. Da wir nun aber schon mal aufgestanden waren und die Bauarbeiter in der Wohnung unter uns wieder mit dem Bohren von wer weiß was angefangen hatten, war es zu Hause ohnehin unerträglich, also nahmen wir ein Taxi und fuhren zum Fähranleger in Beşiktaş. Wir gerieten in den üblichen Morgenstau und kamen zu spät für die avisierte Fähre, aber zum Glück sollte noch eine weitere fahren. Inzwischen war der Nebel so dick geworden, dass man die anlandenden Fähren erst schemenhaft aus dem Dunst auftauchen sah, wenn sie knapp zehn Meter entfernt waren. In Beşiktaş am Wasser war ungewöhnlich viel los, und wir verstanden schnell, woran das lag: Die private Bahçeşehir University von Istanbul (BAU) hatte eine Segelregatta angesetzt.


Banner der Segelregatta

Segelregatta fällt aus

Immer mehr Segeljachten materialisierten plötzlich aus dem Nebel, manövrierten umeinander und zwischen den zahlreichen Bosporusfähren sowie den aus tiefsten Hörnern hupenden Tankern und Containerriesen herum. Die Beinahezusammenstöße blieben zum Glück Beinahezusammenstöße, weil alle dermaßen intelligent und spielerisch sicher den Crash vermieden, dass es Angstlust bereitete, ihnen dabei zuzusehen. Währenddessen fanden sich auf dem Wassergrundstück der Uni zahlreiche Stundenten in Sonntagskleidung ein, die sich auf einen erhebenden Event freuten. Leider vergeblich. Auch unsere Bosporusfähre wurde gecancelt, und wir bekamen den Ticketpreis zurück. Wir vertrieben uns die Zeit, indem wir die unwirklich scheinende Szenerie fotografierten. Hier eine kleine Bilderauswahl:







Erwartungsfrohe Studenten. Sie wurden enttäuscht.


Elegante Halse direkt an der Hafenmole (oben und unten)

Warum es zu der heftigen Nebelbildung kam, kann ich nicht erklären, und in den türkischen Onlinenachrichten habe ich auch keine plausible Erläuterung gefunden. Meine naturwissenschaftlich gebildete Partnerin meinte, es könne an einem außergewöhnlichen Zusammentreffen warmer und kalter Luftmassen im Zusammenspiel mit der heftigen Sonneneinstrahlung liegen.

Schiffsunglück im Dunst

Wir verbrachten den Rest des Tages dann mit einem Bummel durch die naheliegenden Stadtteile Beşiktaş und Nişantaşı und besuchten auch ein Gartenlokal im Maçka-Park, der uns wie eine Mischung aus Tiergarten und Mauerpark vorkam. Die Sonne schien. Grillen war zwar verboten, aber viele Menschen lagerten im Gras, frisch Verliebte flamierten Hand in Hand, sogar Minderjährige. Meine Liebste fragte: „Dürfen die das?“ Im Café gab es leider keine Berliner Weiße, aber eine wirklich empfehlenswerte Limonenlimonade. Der Nobelstadtteil Nişantaşı erinnerte mich wieder an Paris, während ich unser Viertel Cihangir gern mit dem Prenzlauer Berg vergleiche. Dann das Unfassbare: Selbst in den hochgelegenen Park kamen noch Nebelschwaden vom Bosporus geweht. Egal, statt der Bosporus-Fahrt genehmigten wir uns eine Tour mit der Seilbahn (Teleferik) quer über den Park in Richtung Hilton-Hotel. Für Touristen empfehlenswert!


Seilbahn über den Maçka-Park

Wieder zu Hause, war der Lärm der Bauarbeiter, die die Wohnung unter uns abreißen und neu errichten, fast unerträglich. Ähnlich wie beim Zahnarzt, nur lauter. Dann las ich im Internet, dass der Fährverkehr auf dem Bosporus am frühen Nachmittag komplett eingestellt worden war. Es hatte ein Schiffsunglück gegeben. Nicht den gefürchteten Tanker-Super-GAU, aber unweit des Topkapı-Palastes waren zwei Passagierfähren im Nebel zusammengestoßen. Vier Personen, darunter ein Tourist, erlitten leichte Verletzungen. Die Doğan-Nachrichtenagentur meldete: „Sirenen ertönten auf der IDO-Fähre vor dem Zusammenstoß, und Passagiere rannten zum Heck des Schiffes. Trotz des Unfalls erreichte die Fähre den Hafen von Eminönü. Viele Passagiere berichteten in sozialen Internetforen, dass der Crash eine große Panik und Angst vor einem schweren Unfall auslöste. Anschließend wurden alle Fähren zeitweise stillgelegt, bis die Wetterbedingungen besser wurden.“

Und ich dachte, vielleicht war es ja gut, dass wir unsere kleine Ausflugsfahrt nicht hatten antreten können.


2 Gedanken zu „Der Bosporus im Nebel

  1. Lieber Herr Brennich, herzlichen Dank für die Ermunterung. Hoffentlich ist die Sicht beim nächsten Versuch klarer. FN

  2. Den „langen“ Ausflug nach Anadolu Kavağı sollten Sie unbedingt nachholen… allein die Fahrt lohnt schon. Aber auch der Blick von der alten Genueser Festung auf die Bosporurs-Mündung ist einzigartig. Und falls Sie in einem der Restaurants am Ufer speisen, haben Sie vielleicht auch das Glück, einem Kormoran bei der -erfolgreichen – Jagd zuschauen zu können.

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