Erdoğans syrische Havarie

Vor einigen Wochen gab es riesige Aufregung auf Zypern, als erstmals eine (abgelenkte Rakete) aus Syrien die südöstliche Mittelmeerinsel traf. Die Inselpolitiker beeilten sich zu versichern, dass Touristen sich keine Sorgen zu machen bräuchten, es handele sich um einen absoluten Einzelfall. Dass Zypern zumindest indirekt die syrischen Eruptionen zu spüren bekommt, zeigen die stetig wachsenden Zahlen von Flüchtlingen aus dem Bürgerkriegsland, die sich bei ihrer Suche nach einer Zuflucht auf die Insel retten. Vorvergangene Woche kamen 33 Flüchtlinge mit einem Boot, das im 130 Kilometer entfernten Libanon gestartet war.

Vermutlich sind sie nur die Vorboten einer neuen großen Flüchtlingswelle, die in den nächsten Wochen von Syrien ausgehen wird, denn es ist offensichtlich, dass das Assad-Regime und vor allem seine russische Schutzmacht die Geduld mit der Türkei verlieren und die letzte große Rebellenprovinz Idlib sturmreif schießen. Wie es aussieht, möchte der grausige Kriegsherr Assad so schnell wie möglich wiederholen, was ihm nach der Zerstörung der halben Metropole Aleppo gelungen war: sich für die Eroberung Idlibs in der zerstörten Stadt feiern zu lassen. Für die Türkei und ihren Kriegsherrn Recep Tayyip Erdoğan verheißt das nichts Gutes.

Tatsächlich versinkt die Türkei immer tiefer im Sumpf des syrischen Bürgerkriegs. Während ihr Projekt einer „Pufferzone“ in Nordostsyrien von den USA ausgebremst wird, geraten die mit ihr verbündeten syrischen Rebellen in Idlib gegenüber den Truppen des Machthabers Baschar al-Assad massiv ins Hintertreffen. Verbände des Regimes konnten in der vergangenen Woche im Süden der Provinz weiter vorrücken und die strategisch wichtige Kleinstadt Chan Scheichun erobern. Ihr von Russland unterstützter Vormarsch bringt jetzt türkische Truppen in die Schusslinie und hat bereits Zehntausende Flüchtlinge an die Grenze getrieben. Zudem gefährdet die Operation das Sotschi- Abkommen mit Russland und Iran von 2018, das eigentlich eine Waffenruhe in der Provinz herstellen sollte.

Doch ist der türkische Präsident Erdoğan trotz seines Besuchs vor wenigen Tagen in Moskau offensichtlich nicht in der Lage, seinen Amtskollegen Wladimir Putin zum Stopp der syrischen Offensive zu bewegen. Das Scheitern seiner Strategie wird im Militär als so dramatisch empfunden, dass die Oberkommandeure der Idlib-Operation, die Generäle Ahmet Ercan Corbaci und Ertugrul Saglam und drei weitere in Idlib eingesetzte Generäle, Ende August ihren Rücktritt einreichten.

Pures Entsetzen herrschte in Ankara, als Kampfjets des Assad-Regimes vor zwei Wochen einen türkischen Militärkonvoi in Idlib mit Bomben stoppten. Die LKW, Panzer und Jeeps sollten offiziell Nachschub zu einem Beobachtungsposten der türkischen Armee bei Chan Scheichun bringen, wahrscheinlich aber auch die islamistischen Verteidiger der Stadt aufrüsten. Noch mehr schockierte die Türkei, die den Konvoi zuvor in Russland angekündigt hatte, dass Assads Schutzmacht die Attacke nicht verhinderte.

Wie das Nahost-Nachrichtenportal Al-Monitor berichtete, flogen der türkische Geheimdienstchef Hakan Fidan und Erdoğans Sprecher Ibrahim Kalin umgehend nach Moskau, um sich zu beschweren – ohne erkennbaren Erfolg. Politische Beobachter sind sich einig, dass der Angriff mit Billigung des Kreml erfolgte und auch als Antwort auf die Zusammenarbeit der Türkei mit den Amerikanern in der nordostsyrischen „Sicherheitszone“, die das Kräftesystem in Syrien verschiebt, zu verstehen ist.

Die Demütigung der türkischen Armee setzte sich seither fort. Die verbündeten syrischen Rebellen waren gezwungen, Chan Scheichun aufzugeben. Damit haben Damaskus und seine Moskauer Verbündeten das nächste Etappenziel bei der Rückeroberung der Provinz Idlib erreicht: die Kontrolle über die strategisch wichtige Autobahn M5 zwischen der Hauptstadt Damaskus und der nordsyrischen Metropole Aleppo.

Damaskus begründet die Angriffe mit dem „Kampf gegen den Terror“, und tatsächlich wurde Chan Scheichun von der Dschihadistenmiliz Hayat Tahrir al-Sham (HTS), der früheren Nusra-Front, beherrscht. Die Proteste Ankaras schmetterte der Kreml mit den Worten ab, die Türkei sei ihren Verpflichtungen aus dem Sotschi-Abkommen zur Entwaffnung der Dschihadisten nicht nachgekommen.

Erdoğan hatte sich offenbar darauf verlassen, dass ihm die Russen mehr Zeit einräumen würden, das Problem zu lösen – schließlich hatte er die Türkei in der letzten Zeit immer näher an Moskau herangeführt und im Streit um den Erwerb des russischen S-400-Raketenabwehrsystems den Nato-Partner USA brüskiert. Doch Putin verliert offenbar die Geduld mit Ankara, was türkische Kommentatoren mit Sorge registrieren. Die Gemeinsamkeiten mit Russland würden täglich geringer, schrieb die regierungsnahe türkische Zeitung Habertürk. Die Nachrichtenagentur Reuters zitierte den früheren türkischen Diplomaten Sinan Ulgan, der erzwungene Rückzug der Türkei zeige, „wie wenig Einfluss die Türkei auf Russland besitzt“.

Der De-facto-Zusammenbruch des Sotschi-Abkommens zur Einrichtung von vier „Deeskalationszonen“ stellt nun die gesamte Idlib-Strategie Ankaras in Frage, die darauf abzielt, den Rebellen ein unabhängiges Rückzugsgebiet unter türkischer Protektion zu sichern. Neben dem inzwischen von syrischen Regimeverbänden komplett eingeschlossenen Beobachtungsposten Nummer 9 bei Morek nahe Chan Scheichun sind zwei weitere türkische Stellungen im Süden der Provinz akut bedroht. Der Beobachtungsposten Nummer 8 wurde bereits mit Maschinengewehren beschossen. Laut Informationen von Al-Monitor fordert Moskau von Ankara die Aufgabe aller drei Stellungen und den Abzug aller syrischen Kämpfer aus dem Süden der Provinz Idlib.

Erdoğans Sprecher Kalin entgegnete , dass die Türkei ihre Militärposten weder aufgeben noch verlegen werde. Die Türkei habe aber Russland und den Iran zu einem Dreiergipfel über Syrien am 16. September nach Ankara eingeladen. Während die Gefahr einer direkten militärischen Konfrontation zwischen der Türkei und Syrien wächst, schwillt der Strom von Flüchtlingen zur türkischen Grenze dramatisch an. Die Türkei, die bereits rund 3,6 Millionen Syrer aufgenommen hat, hat zwar eine Mauer entlang der Grenze gebaut und will niemanden mehr ins Land lassen, und Innenminister Süleyman Soylu kündigte am Donnerstag die Errichtung neuer Flüchtlingslager „außerhalb unserer Grenzen“ an. Doch ob sich die Flüchtlinge im Notfall von Mauern und Versprechungen aufhalten lassen, ist zu bezweifeln.

(der Text ist noch in Bearbeitung…)

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