„Gebt ihnen die Babyflasche!“

Viel Aufregung gibt es in Deutschland derzeit wegen eines Berichts des Bundestags-Wehrbeauftragten über die Klagen von Bundeswehrsoldaten, die in Kahramanmaras für die deutschen Patriot-Antiraketensysteme zuständig sind. Da ich selbst vor zwei Wochen an dem Standort war, kann ich mir ungefähr vorstellen, was dort los ist. Natürlich sind die sanitären Einrichtungen einer türkischen Kaserne in Ostanatolien nicht mit denen in Westeuropa oder einem prima funktionierenden Bundeswehrcamp in Afghanistan zu vergleichen. Das hätte man aber auch vorher wissen können. Entsprechend fallen die Kommentare türkischer Internet-User aus, die sich über die verhätschelten Bundeswehr-Soldaten lustig machen. „Gebt ihnen die Babyflasche!“, schreibt einer.

Außerdem sind die türkischen Militärs etwas ungeübt im Umgang mit dem relativ lockeren Stil der Bundeswehr. Sie waren schon ziemlich nervös, als die vielen Fotografen beim Pressetermin in Kahramanmaras gar nicht aufhören wollten, Bilder der äußerst fotogen vor ihrer Kaserne drapierten Soldaten zu schießen. Normalerweise dürfen türkische Soldaten und Militäreinrichtungen überhaupt nicht fotografiert werden. Deshalb waren auch die einheimischen Fotografen und TV-Teams so glücklich. Endlich mal Bilder fürs Archiv! Bundeswehr-Soldaten, die dann in Grüppchen durch die Stadt liefen, wurden bestaunt wie Außerirdische. Die anatolische ist eben eine Gesellschaft, die gerade erst beginnt, sich der Welt zu öffnen.

Ich habe für unsere Blätter eine Zusammenfassung der Ereignisse und gestern einen (Achtung Ironie!) Kommentar verfasst. Der Kommentar hat mir heute von Leserseite Vorwürfe wegen angeblicher Frauenfeindlichkeit eingebracht. Das weise ich zurück! Ein anderer Leser warf mir „politische Korrektheit“ vor. Man kann es eben niemand wirklich recht machen. Zum Nachlesen kommen hier die beiden Texte:

Patriot-Einsatz der Bundeswehr
Türkische Armee weist Kritik zurück

Verdreckte Toiletten, ein türkischer General, der eine deutschen Feldjägerin schubst und ein Verbot, mit einheimischen Soldaten Kontakt aufzunehmen – am Stationierungsort des Patriot-Kontingents der Bundeswehr in Kahramanmaras sollen nach dem Bundestags-Wehrbeauftragten Hellmut Königshaus (FDP) unhaltbare Zustände herrschen. Königshaus hatte die deutschen Soldaten, die die türkische Stadt Kahramanmaras mit Patriot-Abwehrraketen vor Angriffen aus Syrien schützen sollen, vor gut einer Woche zwei Tage lang besucht. In einem siebenseitigen Bericht listete er anschließend Mängel an der Kaserne und im Umgang türkischer und deutscher Soldaten miteinander auf.

Der türkische Generalstab hat die Vorwürfe inzwischen dementiert. Sie entsprächen nicht der Wahrheit oder seien maßlos übertrieben. Die Armeeführung in Ankara erklärte, für die Reinigung der Toiletten in ihren Unterkünften seien die Deutschen selbst zuständig. Auch seien die neuen Unterkünfte in der Kaserne inzwischen fertig, würden aber von den Deutschen noch immer nicht bezogen. Der Generalstab betonte, dass von einer Kontaktsperre zwischen deutschen und türkischen Soldaten keine Rede sein könne. Selbst die angebliche Rangelei zwischen dem türkischen General und den deutschen Feldjägern habe es nicht gegeben; der türkische General habe die deutschen Soldaten wegen der Sperrung eines Zufahrtsweges beim Besuch des deutschen Verteidigungsministers Thomas de Maizière (CDU) Ende Februar lediglich gewarnt. Das Bundeswehr-Kontingent habe sich seinerseits bei der türkischen Seite für das Vorkommnis entschuldigt, so der Generalstab. Bestätigt wurde von der türkischen Seite lediglich das Verbot, deutsche Ortsschilder und Fahnen in der türkischen Kaserne aufzuhängen. Nur vor der Einsatzzentrale sei eine deutsche Fahne zusammen mit den Flaggen der Türkei und der Nato genehmigt worden.

Oberst Ellermann: „Vieles wurde hochgespielt“

Die Entschuldigung bezüglich „Missverständnissen“ und „fehlender Koordinierung“ bezeugt auch der deutsche Kommandeur in der Türkei, Oberst Marcus Ellermann. „Aus meiner Sicht wird vieles verfälscht dargestellt und hochgespielt. Es gibt aber Einzelpunkte, wo eine konstruktive Zusammenarbeit etwas erschwert wurde.“ Dies betreffe vor allem die „französischen Toiletten“ in den alten Kasernengebäuden, die teilweise sehr verdreckt waren, was wohl auch auf die Bauarbeiter in der Kaserne zurückzuführen sei. Doch hätten diese innerhalb weniger Wochen ein Wohngebäude renoviert und ein weiteres komplett neu errichtet, um die Aufnahmekapazität für die Deutschen zu verdoppeln. „Hut ab, das hätte in Deutschland so nie funktioniert“, sagt Ellermann. Die 300 Bundeswehrsoldaten könnten jetzt aber noch nicht einziehen, weil die Bauabnahme durch ein deutsches Expertenteam noch ausstehe, und übernachteten deshalb weiter in City-Hotels in Kahramanmaras. „Dieses deutsche Prozedere ist den Türken schwer zu vermitteln.“

Viele Alltagsprobleme, die im Königshaus-Bericht angesprochen würden, wie zum Beispiel die Nutzung eines Sportplatzes, seien aber schon längst gemeinsam gelöst worden, erklärt der Bundeswehr-Oberst. Er räumt ein, dass man wohl nicht damit gerechnet habe, in Ostanatolien auf völlig andere sanitäre und hygienische Standards zu treffen als in Westeuropa. Das allerdings hätte man von jedem Türkei-Kenner vorab erfahren können.

Und die Rangelei mit dem türkischen General? Das dürfe man nicht verharmlosen, sagt Ellermann, nach gründlicher Untersuchung sei aus seiner Sicht das Verhalten des Generals nicht zu entschuldigen, doch habe die Feldjägerin keine dauernden Schäden davon getragen und sich bereits für einen weiteren Einsatz in der Türkei beworben. Für die Türken, die keine fremden Soldaten auf ihrem Territorium gewöhnt seien, sei das Ganze auch ein Experiment. Das gelte insbesondere für die mangelnde Bereitschaft der türkischen Seite, Kontakte zwischen deutschen und türkischen Soldaten zuzulassen. „Wir würden uns lieber austauschen. Dass dies vielleicht nicht gewünscht ist, hatten wir nicht erwartet.“

Zusammenprall militärischer Kulturen

Die türkische Armee sei einfach völlig anders organisiert als die Bundeswehr, umschreibt Ellermann den Zusammenprall der militärischen Kulturen. Man könne sie aber schlecht anweisen, „unser Konzept der Inneren Führung zu übernehmen“. Bei all dem dürfe man nicht vergessen, dass die Bundeswehrsoldaten insgesamt freundschaftlich aufgenommen worden seien und „dass wir hier einen gemeinsamen Auftrag haben und diesen erfüllen“. Auch habe sich die Kritik des deutschen Wehrbeauftragten bisher nicht auf das Verhältnis zu den Türken ausgewirkt.

Zwischenzeitlich haben Verteidigungsminister de Maizière und der Wehrbeauftragte Königshaus die Mobbingvorwürfe teilweise relativiert, sprachen von unklaren Zuständigkeiten und kulturell bedingten Problemen. Dennoch erneuerte Königshaus in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa am Montag seine Kritik an den Einsatzbedingungen für die deutsche Soldaten. „Dass die türkische Seite nicht erfreut ist darüber, das kann ich verstehen“, sagte er. „Es ging schlicht um die grundsätzliche Beschreibung von Dingen, die behoben werden müssen. Und ich erwarte nun, dass das behoben wird.“

… und hier der Kommentar:

Über Toiletten sollte sich reden lassen

Schon klar, Herr Wehrbeauftragter Königshaus – es ist Ihre Aufgabe, unsere Soldaten vor Ungemach zu bewahren, zumal wenn es um verstopfte Klos geht. Aber mussten Sie mit Ihrem Bericht den deutschen Soldaten die Integration in Kahramanmaras noch schwerer machen, als diese es in Anatolien ohnehin ist? Mussten Sie den Verteidigungsminister, der eben erst den deutschen Patriot-Standort besucht hat, derartig bloßstellen? Hätten Sie nicht mit ihm und vielleicht auch mit den Türken über die Probleme reden können?

Abgesehen von objektiven Schwierigkeiten – zu wenig Gebäude, die zudem nicht für Ausländer gedacht waren – gibt es in Kahramanmaras vor allem ein kulturelles Problem. Die türkische Armee ist fremde Militärs auf ihrem Territorium bisher nicht gewöhnt und nimmt die Deutschen als individualistische Eindringlinge wahr, die alles durcheinander bringen. Von einer deutschen Soldatin lässt sich ein stolzer türkischer General schon gar nichts sagen. Ohnehin fühlt sich das türkische Offizierscorps zutiefst gedemütigt, seit Ministerpräsident Erdogan den Generalstab entmachtete. So kommt es in Kahramanmaras jetzt fast zwangsläufig zu einem Zusammenprall der Kulturen. Geschäftsleute wappnen sich dagegen mit interkulturellem Training. Lieber Herr Königshaus, vielleicht sollten Sie das einfach auch mal probieren.

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