Insel der Träumer

Während der Zeit der Zwangsabschaltung des Blogs verbrachte ich auch einige Tage auf einer Reportagereise in Zypern – Süd wie Nord. Vor allem ging es um Südzypern, die Republik Zypern, die derzeit darauf wartet, dass die europäischen Rettungsschirme sie vor dem finanziellen Zusammenbruch bewahren. Die Lage ist tatsächlich ernst, eine schwere Rezession hat das Land ergriffen. Manchmal ist es nützlich, sich anzuschauen, wie schnell sich ein Land, das sich eben noch auf der Sonnenseite des Lebens wähnte, im Schatten wiederfinden kann. Es ist sozusagen eine Mahnung, dass es keine Garantie auf Wohlstand und Sicherheit gibt. Ich möchte Sie einladen, mir nach Nikosia und in das Dorf Pyrgos bei Limassol zu folgen, auf die

Insel der Träumer

Die Menschen im griechischen Teil Zyperns hatten sich an Aufschwung und Wohlstand gewöhnt. Dann kam die Eurokrise auf der Insel an.

Nakis Argyrou versteht noch immer nicht recht, warum es so kommen musste. Er schließt die Tür zu seiner Taverne auf im südzyprischen Dorf Pyrgos nahe der Hafenstadt Limassol, setzt sich an den Tresen und blickt mit trüben Augen in den großen Raum. Zwanzig Tische stehen hier, an den Wänden hängen Schwarzweißfotos, berühmte Musiker sind darauf, die die Bouzouki spielen, das mandolinenähnliche Instrument. Einige sind bei ihm aufgetreten. „Am Wochenende, wenn es Musik gab, war es immer voll“, erzählt der 57-Jährige. „Man musste reservieren. Wir Zyprer singen und tanzen ja gern.“ Seinen Gästen servierte Argyrou nur die beste Weine und auf der Speisekarte standen allein zwanzig verschiedene Vorspeisen.

Jetzt ist der Saal leer und klamm, die Küche bleibt kalt. Mitte November musste Nakis Argyrou seine Taverne schließen. „Die Krise, die verdammte Krise“, seufzt der kleine, knorrige Mann und stützt den Kopf auf die Hände. Seit Ende 2011 blieben die Gäste weg, selbst am Wochenende war das Lokal fast leer. „Keiner hat mehr Geld, die Löhne sinken, die Preise steigen. Wenn ich die Leute auf der Straße treffe, sagen sie, Nakis, wir vermissen die Taverne und die Musik. Aber es tut uns leid, wir müssen sparen.“ Monatelang hat Nakis Argyrou noch von seinen Reserven gezehrt. Hat zuerst die fünf Kellner und drei Küchenkräfte entlassen und den Betrieb mit seiner Frau aufrecht erhalten. Zuletzt hat er auf die Bouzouki-Band verzichtet, da brach ihm fast das Herz.


Nakis Argyrou in seiner Taverne Kanata

Wie Nakis Argyrou geht es derzeit Tausenden im griechischen Süden der geteilten Insel Zypern. Der hoch verschuldete Kleinstaat – 900 000 Einwohner leben auf einem Drittel der Fläche Sachsens – hat Hilfe aus den europäischen Rettungsschirmen beantragt, weil seine überdimensionierten Banken beim griechischen Schuldenschnitt fast ihr gesamtes Eigenkapital verloren. Mit Krediten für 17,5 Milliarden Euro sollen die Institute gerettet und der Haushalt saniert werden. Im Gegenzug verlangt die Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds ein hartes Sparprogramm.

Nakis Argyrou erinnert sich noch gut an karge Zeiten, er stammt aus einer Bauernfamilie, war das vierte von zehn Kindern. Im Krieg von 1974 kämpfte er gegen die Türken, und als der Wiederaufbau begann, gründete der junge Mann eine Baufirma, arbeitete hart und konnte mit dem Ersparten ein Restaurant in der Touristenmetropole Limassol eröffnen. „Ich bin Stück für Stück vorangekommen“, sagt er. Die Taverne warf genug Geld ab, um die Familie zu ernähren. Dann begann der Immobilienboom der Neunzigerjahre. In den küstennahen Dörfern war der Boden plötzlich ein Vermögen wert. Nakis Argyrou besaß ein Stück Land in Pyrgos und nahm 1996 den ersten Kredit auf, um das Land zu „entwickeln“, Ferienvillen zu errichten.

Drei Jahre später verkaufte er das erste Haus, dann zehn bis zwölf Villen pro Jahr, meist an Engländer. Er löste den Kredit ab und nahm sofort einen neuen auf, um Land zu kaufen und Häuser zu bauen. So ging es 15 Jahre lang. „Die Preise waren gut, ein Objekt brachte bis zu 400 000 Euro“, sagt er.
Und, ist er dabei reich geworden? Nakis Argyrou lacht bitter. So richtig kann er sich nämlich nicht erklären, wo all das Geld geblieben ist. „Ich habe es immer wieder investiert“, sagt er dann, „so wie alle hier.“ Auch die Nachbarn arbeiteten schon lange nicht mehr auf dem Feld. In den Neunzigern wurden viele wie Nakis Argyrou zu Immobilienentwicklern.

Argyrous wahre Liebe aber galt seinem neuen Restaurant, das er im Dezember 1999 im Dorf eröffnete. Die Taverne Kanata, Weinkrug, wurde schnell zum sozialen Mittelpunkt in der 3 000-Seelen-Ortschaft. Sogar Touristen aus Limassol kamen vorbei. „Es war ein Traum“, sagt er. „Wir hatten ein sehr, sehr gutes Leben.“ Hat er nie gedacht, die Lage könnte sich mal ändern? „Nein. Das hat niemand für möglich gehalten.“ Er bittet in die geräumige Küche, sie ist blitzblank, voll teurer Geräte. „Alles unverkäuflich“, sagt er.

Im Jahr 2010 wollte Nakis Argyrou eigentlich nur noch Gastwirt sein. Damals begann das Immobiliengeschäft einzubrechen. „Aber die Bank hat jeden Tag angerufen und mir Kredite aufgedrängt.“ Davon kaufte er wieder Land, das jetzt brach liegt, weil es keine Käufer gibt. „Als alles anfing, hatten wir für ein Haus fünfzig Interessenten“ sagt Nakis Argyrou. „Heute ist es genau umgekehrt.“ Und der Kredit? „Der ist fällig. Die Bank droht mir, aber ich sage: Nehmt doch mein Land. Doch das wollen sie nicht.“ Er wirkt jetzt müde und auch trotzig. Er sagt: „Niemand versteht diese Krise. Weil alle vor drei Jahren noch Geld hatten, und plötzlich ist nichts mehr da.“

„Macht euch keine Sorgen“

Nakis Argyrou selbst hat das Wort Krise erstmals 2008 im Fernsehen gehört, als es noch um Amerika ging. „Aber unser Präsident Christofias sagte, macht euch keine Sorgen, uns betrifft das nicht.“ Deshalb haben sich viele Zyprer weiter verschuldet, insgesamt mit dem Doppelten der Wirtschaftsleistung. Glücklich ist, wer da noch im öffentlichen Dienst arbeitet, wie Argyrous Zwillingstöchter Phedra und Elena, die Lehrerinnen sind, oder sein Sohn Dimitris, der bei der halbstaatlichen Elektrizitätsfirma ist. Noch bekommen sie ihr Gehalt, auch wenn es im Dezember schon um 300 Euro gekürzt wurde.

Die Wirtschaft steht still. Die Banken sitzen auf Tausenden von Krediten, die derzeit nicht bedient werden und versuchen, so zu tun, als wüssten sie das nicht. „Alle warten ab, was als nächstes passiert“, sagt Nakis Argyrou. Seine Schulden hat er bei jenen beiden Großbanken, die der europäische Rettungsschirm nun vor dem Bankrott bewahren soll. Beide Institute sind bisher aber scheinbar nicht interessiert, die Kredite platzen zu lassen – das kommt wohl erst im zweiten Akt des zyprischen Dramas. Nakis Argyrou macht ein Gesicht, als würde er gleich weinen. „Verloren. Alles ist verloren“, sagt er dann.

Es ist, als befinde sich Zypern in diesen Tagen in einem unwirklichen Schwebezustand. Auf der glitzernden Einkaufsstraße Makariou Avenue in der Hauptstadt Nikosia steht die Hälfte aller Büros, Geschäfte und Boutiquen leer, und an den übrigen verheißen Schilder Rabatte von bis zu 70 Prozent. „Wir versuchen, unsere Waren wenigstens noch zum Einkaufspreis loszuwerden“, sagt Kostas Sofianes, der ein Geschäft für Herrenkleidung betreibt. „Wir haben die Hälfte der Mitarbeiter entlassen und versuchen, irgendwie zu überleben.“

Dem blauen zyprischen Himmel nahe ist man im zehnten Stock des Hauptquartiers der zyprischen Umfragegesellschaft Kema. Hier hat deren Gründer George Vassiliou sein Büro, mit einem fantastischen Blick bis hin zu den Bergen im türkischen Norden. „Wir mussten nach dem Krieg alles neu aufbauen“, sagt der 81-Jährige. „Wir hatten 37 Prozent des Landes an den Norden verloren, Hunderttausende waren vertrieben worden.“ 14 Jahre nach der Teilung wurde Vassiliou Staatspräsident. Er gilt als der Vater des zyprischen Wirtschaftswunders. Sein oberstes Ziel war stets die Wiedervereinigung, sie erhoffte er sich auch vom EU-Beitritt, den er 2004 als zyprischer Verhandlungsführer erreichte. Für ihn ist es besonders bitter, dass die Krise jetzt alle anderen Themen übertüncht. „Dabei könnte uns die Wiedervereinigung enormen wirtschaftlichen Schwung verleihen.“


George Vassiliou (rechts) mit dem Autor

George Vassiliou, der damals die Wende von der Agrar- zur Serviceökonomie vorantrieb, war wie ein zyprischer Daedalus, der seinem Sohn Ikarus das Fliegen beibrachte. Warum aber kam Ikarus der Sonne zu nah? Warum ist Zypern abgestürzt? „Ganz einfach: weil Griechenland abgestürzt ist und unsere zwei größten Banken dort extrem stark engagiert waren“, sagt Vassiliou. „Wir sind in den griechischen Strudel geraten. Zusätzlich dazu wurde im öffentlichen Sektor immer mehr Geld ausgegeben. Jetzt sind wir so hoch verschuldet, dass wir Hilfe brauchen. Aber“, er macht eine Pause, „wir tun selbst viel“. Vassiliou spricht vom Einstellungsstopp im öffentlichen Dienst, von Gehaltskürzungen und der Abschaffung der freien Krankenversorgung. Er weiß aus den Umfragen, dass die Zyprer im Euro-Raum bleiben wollen und bereit sind, sich einzuschränken. „Wir sind anders als die Griechen“, sagt er. „Wir sind es gewohnt, Herausforderungen anzunehmen. Aber wir brauchen jetzt eine Überbrückungshilfe, um unser Haus in Ordnung zu bringen.“

Sich selbst auf die Beine zu helfen, das hat Androulla Sathi bereits getan. Die Mittfünfzigerin mit den blondierten Locken und den lebhaften Augen lebt allein im alten Haus der Familie in einem 5 000 Jahre alten Dorf rund 20 Kilometer südlich von Nikosia. Sie erinnert sich an die Wirtschaftswunderjahre mit einem wehmütigen Lächeln. „Armut gab es hier nicht“, sagt sie. „Wir haben sogar noch für Griechenland gesammelt, als dort die Krise begann. Und jetzt plötzlich gibt es bei uns auch Kinder, die nicht genug zu essen haben.“

Androulla Sathi bittet in ihr Wohnzimmer, das sie mit Teppichen ausgelegt hat und mit einem Elektroheizer wärmt. Es lohne sich nicht, die Zentralheizung anzuwerfen, sagt sie. „Das wäre unbezahlbar.“ Zum Glück ist ihr Haus traditionell gebaut, mit dicken Wänden aus Lehmziegeln, die die Heizwärme bewahren. Das Zimmer sieht aus wie ein kleines Zypern-Museum, mit alten Familienfotos, Stichen, Gemälden und Saiteninstrumenten – auch einer syrischen Oud. „Oh ja, ich liebe die Musik“, sagt Androulla Sathi. Es sei traurig, dass sie derzeit mit ihrer Band keine Engagements habe. „Wegen der Krise.“ Sie singt seit 15 Jahren Rembetiko und Bouzouki, klassische griechische Musik. Sie ist eine Bauerntochter, aber sie hat in den Siebzigerjahren in London Englisch studiert, kam zwei Jahre nach dem Krieg zurück und erlebte mit, wie sich Zypern veränderte. „Früher waren alle im Dorf Bauern, heute gibt es keinen einzigen mehr.“


Androulla Sathi in ihrem Wohnzimmer

In den Zeiten nach dem Krieg, die sie die goldenen nennt, hat sie in der staatlichen Schülernachhilfe unterrichtet. Jahrelang gab sie nebenbei noch Privatunterricht, aber das kann sich derzeit niemand mehr leisten. „Englischlehrer waren gesucht, jeder wollte Englisch lernen.“ Mit dem Geld hat sie ihren drei Söhnen das Studium im Ausland finanziert. Ihr jüngster Sohn Andreas absolviert in Liverpool derzeit eine Pilotenausbildung, werde aber wahrscheinlich in Zypern keine Arbeit finden, weil die staatliche Fluglinie Cyprus Airways auch in Turbulenzen sei. Jetzt hat Androulla Sathi Angst, dass viele Junge die Insel verlassen. „So wie es früher war, als Zehntausende hier keine Arbeit fanden.“

Berge von alten T-Shirts

Androulla Sathi hat es stets vermieden, Kredite aufzunehmen. „Alle schnallen jetzt den Gürtel enger, damit es wenigstens den Kindern gut geht“, sagt sie. Sie hat sich seit einem Jahr keine neuen Kleider mehr gekauft, was ihr besonders schwer fällt. „Zyprische Frauen sind modeverrückt. Aber ich finde ich immer ein schönes Stück in den Altkleidern.“ Vor zwei Jahren hat sie zusammen mit ihrem früheren Ehemann Doros und ihrem 31-jährigen Sohn Jorgos eine Altkleiderfirma gegründet. „Niemand hat sich auf Zypern früher um so etwas Gedanken gemacht“, sagt sie. „Aber Jorgos hatte Umwelttechnik studiert, war arbeitslos und kam auf die Idee mit dem Recycling.“

Sie drängt zum Aufbruch, sie muss ins Büro in einem Gewerbegebiet ein paar Kilometer entfernt. Dort reihen sich moderne Hallen aneinander, Lager von Handelsketten, eine Industriebäckerei, ein Autoersatzteilmagazin. Androulla Sathi stoppt ihren Kleinwagen vor einem großen weißgetünchten Gebäude. Drinnen Berge von alten T-Shirts, Hosen, Kleider, Schuhe, Kinderspielzeug. Gerade wird ein Lieferwagen mit Ware für die beiden Second-Hand-Shops in Nikosia beladen. An der offenen Hecktür steht Doros Michail, der 61-jährige Ex-Ehemann, vollbärtig, in Jeans, und notiert Zahlen. „Wir sind gemeinnützig“, sagt der pensionierte Universitätsprofessor. „Heute können wir 15 Mitarbeiter beschäftigen, und darauf sind wir stolz.“ Sie bekämen Altkleider von Schulen, Kirchen und aus mehr als 200 Sammelcontainern, die sie aufgestellt haben. „Die guten Sachen verkaufen wir in unseren Shops, geben sie Bedürftigen oder verteilen sie in den Schulen. Die Reste schicken wir nach Irland, wo sie zu Polsterfüllungen weiterverarbeitet werden.“


Androulla Sathi und ihr Ex-Ehemann Doros Michail in der Altkleiderfirma

Androulla Sathi erinnert sich noch, dass in den ersten Monaten kaum eine Zypriotin in ihre Second-Hand-Geschäfte kam. „Unsere Kunden waren vor allem ausländische Hilfsarbeiter. Doch seit einem Jahr kommen auch Zyprer. Allerdings wird auch weniger gespendet.“ Androulla Sathi hält das für ein Zeichen der Krise. Sie will dafür aber nicht die regierenden Kommunisten verantwortlich machen, die sie selbst gewählt hat. „Die Banken haben das Geld des Volkes verzockt! Dafür haben die Menschen ihr Leben lang hart gearbeitet!“.

Im Dorf Pyrgos sitzt der Tavernenwirt Nakis Argyrou zusammengesunken am Tresen seiner leeren Taverne. Das Reden hat ihn erschöpft und noch trauriger gemacht. „Noch zahle ich die Miete. Ich hoffe, dass es noch eine Chance für mich gibt und ich nicht die Taverne aufgeben muss“, sagt er. Er warte noch bis zu den Präsidentschaftswahlen Ende Februar und hoffe, dass dann die kommunistische Regierung von Dimitris Christofias abgelöst wird und der konservative Kandidat Nikos Anastasiadis gewinnt. „Der hat Freunde in Europa. Die Europäer werden uns helfen, wir gehören doch zusammen. Und dann fängt das Leben wieder an.“

Der Artikel erschien in einer gekürzten Version am 28. Januar in der Berliner Zeitung

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