Protest und Krawall in Istanbuler Fußballstadien

Nach den Krawallen beim Istanbuler Fußballderby zwischen Beşiktaş und Galatasaray am vergangenen Sonntag hatte ich zum ersten Mal in meiner langen journalistischen Karriere die Ehre, einen Aufmacher für die Sportseite zu liefern. Zugegeben, es ging weniger um Fußball als um die „dritte Halbzeit“, aber immerhin: eine Premiere. Ich habe den Artikel jetzt noch etwas nachbearbeitet und mich dabei mit der Frage beschäftigt, wer wohl für den Sturm aufs Spielfeld verantwortlich war und wer davon proftiert.

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Fenerbahçe-Fanshop auf dem Istanbuler Flughafen Sabiha Gökçen.

Randale und Widerstand
Die Gezi-Bewegung erreicht die Fußballstadien

Türkische Fußballfans sind bekannt für ihre großen Gefühle und ihre Neigung zur Gewalt. Doch was sich am Sonntagabend im Istanbuler Olympiastadion abspielte, hat selbst türkische Maßstäbe gesprengt. Beşiktaş lag mit 1:2 im Rückstand, es war die dritte Minute der Nachspielzeit beim Lokalderby zwischen dem Süper-Lig-Tabellenführer und dem amtierenden Meister Galatasaray, als der Galatasaray-Spieler Felipo Melo ein schweres Foul beging und die rote Karte sah. Daraufhin brach das Chaos im Stadion aus. Während das Publikum Slogans der Gezi-Protestbewegung brüllte, stürmten hunderte teils vermummte Fans mit Plastikstühlen und Fahnenstangen das Spielfeld. Spieler und Schiedsrichter flüchteten panisch in die Kabinen. Polizei zog auf und schoss mit Tränengas auf die Randalierer.

Die Schlacht auf dem Stadionrasen entschieden die Sicherheitskräfte nach kurzer Zeit für sich, aber das Fußballspiel wurde nicht wieder angepfiffen. 67 Fans wurden festgenommen und später wieder freigelassen, den Gastgeber Beşiktaş erwartet eine saftige Strafe, vermutlich mehrere Heimspiele ohne Zuschauer – ein schwerer Schlag, da der Verein schon wegen seiner Verwicklung in den türkischen Spiele-Manipulationskandal für die europäischen Wettbewerbe gesperrt ist. Der türkische Fußballverband wird in den kommenden Tagen über Konsequenzen entscheiden.

Dabei hatte alles so erfreulich begonnen. Das Olympiastadion war dermaßen gut gefüllt, dass mit 76127 Zuschauern ein neuer türkischer Stadionrekord aufgestellt wurde, und Beşiktaş wähnt sich ohnehin im Fußballhimmel, seit der Verein die Tabelle ungeschlagen anführt. Die Fans halten den „Schwarzen Adlern“ die Treue, obwohl sie zu den Spielen anderthalb Stunden fahren müssen, seit ihr eigenes, historisches Inönü-Stadion im Stadtzentrum (nahe dem Taksim-Platz) jetzt zwei Jahre lang renoviert wird. Die „Löwen“ von Galatasaray wiederum liegen abgeschlagen auf dem neunten Tabellenplatz und mussten noch die verheerende 1:6-Niederlage gegen Real Madrid in der Champions League vom vorvergangenen Dienstag verkraften.

Protest in der 34. Minute

Doch die Spiele bereiten den Fans keine ungetrübte Freude, da die Anhänger des gegnerischen Vereins bei den Lokalderbys zwischen Beşiktaş, Galatasaray und Fenerbahçe laut einer neuen Regel wegen früherer Krawalle nicht mehr ins Stadion dürfen. So richten sich ihre Aggressionen fast zwangsläufig gegen die gegnerische Mannschaft, den Schiedsrichter und die Polizei. Außerdem sind die Stadien extrem politisiert, seit der konservativ-religiöse Regierungschef Recep Tayyip Erdoğan mehrfach die als „Çarşı“ bekannten, politisch links stehenden Beşiktaş-Ultras als Terroristen beschimpfte, weil sie die regierungsfeindlichen Proteste auf dem Istabuler Taksim-Platz im Sommer unterstützten – obwohl sich auf dem Höhepunkt der Gezi-Proteste überraschenderweise auch Galatasaray- und Fenerbahçe-Fans mit den Protesten solidarisierten. Zahlreiche Çarşı bekamen Besuch von der Polizei, einige sitzen im Gefängnis, alle haben Angst.

Ihrer Wut machen sie seit Beginn der neuen Spielsaison im Stadion Luft, wenn sie die Parolen der Gezi-Bewegung schmettern: „Her yer taksim, her yer direniş“ – „Überall ist Taksim, überall ist Widerstand!“ Aber auch bei den Konkurrenten Galatasaray und Fenerbahçe schallen die Gezi-Slogans von den Rängen – spätestens in der 34. Minute, die symbolisch für Istanbul steht, weil das Autokennzeichen der Bosporusmetropole mit der Zahl 34 beginnt. Im weitgehend gleichgeschalteten Fernsehen, vor allem im Fußball-Bezahlsender Lig-TV wird seither der Stadionton heruntergedimmt, damit die Bevölkerung nichts davon hört. Mehrfach erklärte die Erdoğan-Regierung, Politik werde in den Stadien nicht geduldet. Der türkische Fußballverband hat ein Verbot von politischen Parolen in den Arenen verfügt, das die Fans trotz empfindlicher Strafen für die Klubs bisher aber nicht abschreckt.

Während die Regierung schon die Polizei anwies, die „Taksim“-Slogans zu unterbinden und AKP-Abgeordnete nach Gesetzen „gegen die Marodeure in den Stadien“ rufen, verhielten sich die Beamten passiv, als Fans des konservativen Schwarzmeerküsten-Vereins Trabzonspor anfingen, Parolen zur Unterstützung des weggeputschten ägyptischen Muslimbrüder-Präsidenten Mohammed Mursi zu rufen und das Vierfingerzeichen der Muslimbrüder zu zeigen. Seither sind politische Fangesänge in vielen Stadien zu hören, was die Spannungen zwischen den Fans extrem verstärkt.

Der Vorsitzende der nationalistischen MHP, Devlet Bahçeli, warnte am heutigen Mittwoch in der parteinahen Zeitung Yeniçağ völlig zu Recht vor dem “Geist der Feindschaft” in den Stadien – unter der Überschrift: „Genau so wurde Jugoslawien geteilt“. Die Sache ist brandgefährlich. Die Gezi-Bewegung hat die Stadien erreicht – und trifft dort auf den erbitterten Widerstand der Regierung und ihrer Anhänger.

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Das Recep-Tayyip-Erdoğan-Stadion im Bezirk Kasimpaşa. Hier spielt Beşiktaş die nächsten zwei Jahre, weil das Vereinsstadion umgebaut wird.
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Gezielte Provokation?

Der türkische Vizepremier Bülent Arınç goss am Montag Öl ins Feuer, indem er die Krawalle als „gezielte Provokation“ bezeichnete. „3000 bis 5000 Provokateure“ hätten das Stadion infiltriert, seien aber von den Sicherheitskräften nicht erkannt worden. Arınç sagte, es werde eine strenge polizeiliche Untersuchung geben, „notwendige und sogar radikale Maßnahmen“ würden ergriffen werden. Er wiederholte die Schuldzuweisung an „einige tausend Provokateure“ am Dienstag noch einmal, ohne aber zu sagen, wer diese waren und warum sie provozierten. Warum sollten beispielsweise Galatasaray-Fans das tun, wo ihre Mannschaft doch in Führung lag?

Bisher blieben die Vorgänge, die zum Sturm auf das Spielfeld führten, reichlich nebulös. Immerhin waren unter den Zuschauern im Stadion einige seriöse Journalisten, die ihre Beobachtungen mitteilten, die in wesentlichen Punkten übereinstimmen, so dass man ein halbwegs konsistentes Bild der Vorgänge zusammensetzen kann. Demnach hatten Unbekannte schon vor Beginn drei Eingangstore und einige Eingangsdrehkreuze zum Olympiastadion aufgebrochen, so dass vermutlich 5000 bis 10000 Personen ohne zu zahlen ins Stadion kamen. Offenbar reagierten die privaten Sicherheitskräfte nicht darauf, von denen Besiktas auch zu wenige angeheuert hatte.

Mehrere journalistische Augenzeugen berichteten außerdem, dass die Krawallmacher aus einem Zuschauerblock aufs Spielfeld strömten, in dem die Anhänger des Fanclubs „1453 Kartalları“ (Adler von 1453) saßen. Diese „Fan“-Gruppe wurde im Sommer, angeblich von der AKP-Jugend, als Gegengewicht zu den linken Çarşı gegründet. In sozialen Netzwerken haben Çarşı erklärt, die „Adler“ hätten sie provoziert, indem sie im Stadion immer wieder „Allahu akbar“ gebrüllt hätten. Vier Stunden vor dem Spielbeginn twitterten die „Adler von 1453“: „Die Adler von 1453 sind keine Gruppe, die still ist, brav da sitzt und Snacks während des Spiels isst. Kommt heute, dann werdet ihr sehen, was wir meinen!“ Also eine gezielte Aktion, um die ungeliebten Beşiktaş-Ultras und ihren Verein zu diskreditieren und zu zerstören, wie Oppositionsmedien meinen?

Einen Zusammenhang mit der AKP hat der Chef dieser „Adler“, Aşkın Aydoğmuş, zwar in einem Interview mit der liberalen Radikal bestritten, aber er hat nicht verneint, dass es sich um eine konservative Truppe handelt, die mit den Çarşı nichts anfangen kann. Er behauptet zwar, seine Truppe sei unpolitisch, aber der Name mit dem Bezug auf die Eroberung Istanbuls durch Sultan Mehmed den Eroberer 1453 spricht für sich. Aşkın Aydoğmuş hat allerdings abgestritten, dass seine „Adler“ oder gar die AKP die Krawalle angezettelt hätten. Als er bemerkt habe, dass die Spannungen unter den Zuschauern in den letzten Spielminuten stiegen, habe er seine Leute angewiesen, sofort das Stadion zu verlassen. Er sagte auch, dass eine Menge Fans von Fenerbahçe und Galatasaray trotz des Verbots im Stadion waren. „Es waren exakt die marginalen Gruppen, die bei den Taksim-Vorfällen auftauchten, und irgendwie haben sie die Stadionränge infiltriert.“

Die Çarsi hingegen versichern, dass sie am Platzsturm nicht beteiligt waren; sie hätten auf den oberen Rängen gesessen und wären gar nicht hinunter gekommen. Jedenfalls waren die Fußballkrawalle tagelang das wichtigste politische Thema der Türkei, viele Zeitungen hoben es immer wieder auf die Titelseite. Auch ohne Fakten wurde vor allem die Frage besprochen, wer nun die Schuld daran trägt, dass alles aus dem Ruder lief.

Dunkle Andeutungen

Die AKP-nahe Verschwörungsgazette Yeni Şafak raunte am heutigen Mittwoch in ihrer Titelstory, dass die Polizei von einer „gezielten Aktion“ ausgehe – ohne irgendwelche konkreten Hinweise. Im „Pinguin“-Sender NTV führte der Chefredakteur der regierungsnahen Sabah ein Interview mit dem Vizepremier Beşir Atalay über das Spiel. Atalay erklärte, es gebe „Bestrebungen, die Taksim-Ereignisse am Leben zu halten“. Interessant war, was er dann sagte: „Die aktive Rolle der CHP bei den Vorfällen ist beträchtlich.“ Schließlich seien 75 Prozent der Teilnehmer an den Gezi-Protesten CHP-Mitglieder und –Wähler gewesen.

Atalay verwechselte hier offensichtlich Ursache und Erscheinungsbild, denn die CHP schaffte es ja gerade nicht, mit ihrer hergebrachten Politik bei den Gezi-Protestlern anzukommen – eher im Gegenteil, diese ließen die Partei mehr oder weniger gleichgültig links liegen. Aber Atalay überschätzt auch die Möglichkeiten der CHP, falls er sie nicht absichtsvoll beschuldigt. Denn irgendwelche Beweise hat auch er offensichtlich nicht, sonst würde er sie nennen. Es bleibt bei dunklen Andeutungen, wie sie türkische Politiker nun einmal lieben. Die Richtung ist aber klar: Es waren die Gezi-Leute, sie machen uns jetzt auch noch den Fußball kaputt. Und die CHP steckt dahinter.

Umgekehrt behauptete das kemalistische Massenblatt Sözcü unter der Überschrift „Tayyips Schläger“, dass die „Religionsfanatiker“ der „1453 Adler“ schuldig und die Polizisten ihre Komplizen seien. Die kemalistische Cumhuriyet titelte ganz ähnlich: „Ein Plot gegen die Çarşı“: „Gehört es zu einer normalen, zivilisierten, demokratischen Regierung, eine Hooligantruppe gegen eine Gruppe wie die Çarşı zu gründen, die an der Spitze einer politischen Protestbewegung stand?“ Offenbar wolle die Regierung ihre Kampagne gegen die außerparlamentarische Opposition mit „illegitimen Mitteln“ in den Fußballstadien fortsetzen.

Dafür spricht allerdings, dass auch bei Galatasaray zum Beginn der Saison ein neuer Fanclub auftauchte, von dem man vorher noch nie gehört hatte und im Stadion Sprechchöre zum Lob von Tayyip Erdoğan anstimmte. Auch bei Galatasaray kam es schon zu Schlägereien zwischen rechten und linken Fans.

Fragt man nun, wem der Krawall im Derby nützt, ist die Antwort klar: Beşiktaş verliert die Einnahmen von fünf oder sechs Spielen, die als Geisterspiele ohne Zuschauer absolviert werden müssen – und bei denen garantiert niemand politische Parolen ruft. Nach dem abgebrochenen Heimspiel fielen die Beşiktaş-Aktien an der Istanbuler Börse um 11,4 Prozent, ein Verlust von 62,4 Millionen Lira (23,2 Millionen Euro) laut Hürriyet.

Und es wird noch dramatischer werden: Denn ab der nächsten Woche finden die Heimspiele des Traditionsklubs in dem neuen, zentral gelegenen Stadion des Hafenviertels Kasimpaşa statt, in dem der Premier aufwuchs, als hoffnungsvoller Nachwuchsspieler früher selbst kickte und das seinen Namen trägt: „Recep-Tayyip-Erdoğan-Stadion“. In jedem Fall aber sind die Krawalle ein schlechtes Omen für die neue Saison, denn das Spiel zwischen Beşiktaş und Galatasaray war nur das erste von insgesamt sechs Derbys der drei Spitzenklubs.

Nachtrag: Wie türkische Medien melden, wurden am gestrigen Mittwoch 32 Personen verhaftet, die an den Krawallen beteiligt gewesen sein sollen. Polizeiexperten hätten sie anhand der Aufnahmen der Überwachungskameras im Stadion identifiziert. Weitere Festnahmen sollen folgen. Der türkische Innenminister Muammar Güler sagte, die Delinquenten erwarteten Gefängnis, Geldstrafen und Stadionverbote. (Außerdem will die Regierung den Vorfall nutzen, um die Überwachung der Fußballstadien massiv auszuweiten: mehr Kameras, Identitätsfeststellung jedes Ticketkäufers, mehr Zivilpolizei im Stadion.)

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Das Recep-Tayyip-Erdoğan-Stadion im Bezirk Kasimpaşa.

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