Thriller um syrische Bombenleger

Zwei Jahre schon dauert der Aufstand in Syrien an, und die Gefahr wächst, dass der Bürgerkrieg auf die Nachbarländer übergreift. Vergangene Woche gab es eine völlig neue Wendung in dem Konflikt, die im Nachrichtenstrom über eine mögliche Bewaffnung der Rebellen durch den Westen völlig untergegangen ist: Ein türkisches Spezialkommando hat laut türkischen Medien in einer Thriller-reifen Operation fünf Verdächtige in Nordsyrien „festgenommen“ und über die Grenze in die Türkei geschafft, wo sie jetzt in Untersuchungshaft (in Adana) sitzen. Der Vorgang ist, wenn er sich wirklich so abgespielt haben sollte, natürlich ein Verstoß gegen das Völkerrecht, was auch der Grund dafür sein dürfte, dass die Türkei diese Darstellung dementiert.

Aber weit schwerwiegender ist der Grund für die Aktion, die offenbar bravourös ablief: der furchtbare Autobombenanschlag am türkischen-syrischen Grenzposten Cilvegözü im Februar. Wenn der Urheber wirklich das syrische Regime war, ist das ein feindlicher Akt gegen die Türkei gewesen. Bisher spielen beide Seiten die Vorgänge nicht hoch, aber sie haben erhebliches Eskalationspotential. Ich habe darüber in unseren Blättern geschrieben, aber es war nicht viel Platz dafür, und in die Onlineausgaben hat es der Bericht nicht geschafft. Deshalb stelle ich ihn hier ein – und bedenken Sie, irgendwann kann daraus ein Agentenfilm werden.

Festnahme von mutmaßlichen Attentätern

Nach der Festnahme von fünf Terroristen, die den verheerenden Autobombenanschlag am türkisch-syrischen Grenzübergang Cilvegözü im Februar verübt haben sollen, hat der türkische Außenminister Ahmet Davutoğlu Vorwürfe gegen das syrische Regime erhoben. Er sagte, es könne sich bei dem Anschlag um eine gezielte Provokation aus Damaskus gehandelt haben: „Es könnte darum gegangen sein, die Türkei in den syrischen Konflikt hineinzuziehen.“ Allerdings müsse man die weiteren Ermittlungen abwarten.

Die Jagd auf die Terrorverdächtigen, vier Syrer und einen Türken, sowie ihre Festnahme Ende vergangener Woche biete „Material für einen Film“, hatte der türkische Vizepremier Bülent Arınç bereits am Montag gesagt. Bei der schweren Bombenexplosion am 11. Februar wurden auf dem türkischen Teil des Grenzübergangs Cilvegözü-Bab al-Hawa 14 Menschen getötet und mindestens 28 teils schwer verletzt. Die türkischen Ermittler vermuteten damals, dass der Anschlag einer Delegation des oppositionellen Syrischen Nationalrats galt.

Die Autobombe explodierte auf einem Parkplatz vor Zollgebäuden auf der türkischen Seite des Grenzübergangs Cilvegözü/Bab al-Hawa in der südlichen Provinz Hatay exakt zu dem Zeitpunkt, als die etwa zehnköpfige Gruppe dort erwartet wurde. Doch die Oppositionellen hatten Glück. Sie legten wegen eines Unwetters eine ungeplante Verschnaufpause ein, bevor sie den Posten passierten und entgingen dem Anschlag so um wenige Minuten.

Der türkische Innenminister Muammar Güler erklärte jetzt gegenüber der Presse, man verfüge über “solide Informationen über die Verbindungen der Festgenommenen zum syrischen Geheimdienst und zur syrischen Armee”. Drei weitere verdächtige Personen seien verhaftet, aber wieder freigelassen worden, nach einem werde noch gefahndet. Ermittler des Geheimdienstes MIT, der Polizei und der Anti-Terror-Einheiten hätten gemeinsam nach den Tätern gesucht.

Nach Informationen der liberalen türkischen Tageszeitung Radikal soll der mutmaßliche Haupttäter A. B. beim Polizeiverhör gestanden haben, dass ihm der syrische Geheimdienst 35000 Dollar für den Bombenanschlag bezahlt habe. Die Befehle dafür habe General Ammid Havvas erteilt, der Kommandeur der syrischen Panzertruppen. Der Verdächtige habe zudem erklärt, dass die Wahl für das Attentat auf Cilvegözü fiel, weil über diesen Übergang die wichtigste Versorgungsroute für die humanitäre Hilfe aus der Türkei für Binnenflüchtlinge in Syrien verlaufe. „Unser Ziel war es, die Hilfe zu blockieren und dafür die Opposition verantwortlich zu machen“, habe der Verdächtige ausgesagt. Seine Gruppe habe noch eine zweite Attacke auf Flüchtlingslager in der türkischen Provinz Kilis geplant.

Abenteuerliche Jagd

Die Bemerkung des türkischen Vizepremiers Arınç über die abenteuerlichen Ermittlungen führte in den türkischen Medien zu Spekulationen, wonach die Verhaftungen auf syrischem Territorium stattgefunden hätten. Dann sickerten immer mehr Informationen durch, die dieses Szenario sehr wahrscheinlich erscheinen lassen. Die regierungsnahe Zeitung Yeni Şafak meldete, dass die türkischen Sicherheitskräfte die oppositionelle Freie Syrische Armee (FSA) in die Fahndung eingeschaltet hätten. Die Türkei pflegt ein gutes Verhältnis zur FSA und erlaubt deren Kämpfern, die grenznahen Gebiete als Rückzugsraum zu nutzen.

Yeni Şafak berichtete, dass die FSA dann ihrerseits in Syrien kämpfende islamistische Milizen wie die al-Nusra Front und die al-Faruk Brigaden informiert habe. Von der Fatih-Sultan-Mehmet-Brigade, die eine Berggegend in der syrischen Provinz Latakia nahe der Mittelmeerküste kontrolliert, sei der entscheidende Tipp gekommen. Daraufhin habe ein türkisches Spezialkommando die Verdächtigen aus dem Gebiet Selme in der Provinz Latakia aufgespürt und in die Türkei verschleppt. Selme wird offenbar noch vom Assad-Regime kontrolliert.

Diese Darstellung wies der türkische Innenminister Muammer Güler am Mittwoch in Ankara jedoch energisch zurück. Es habe Hausdurchsuchungen in der Türkei gegeben, und „die betreffenden Personen wurden am Grenzübergang Cilvegözü auf türkischem Territorium festgenommen“, sagte er den Medien. „Tausende Fotos wurden ausgewertet und weitere Techniken wie Gesichtserkennung, Mobilfunkfahndung und legale Telefonüberwachung führten zu dem Resultat. Es war definitiv keine Operation, die in Syrien stattfand.“ Man habe drei weitere Verdächtige in der Türkei festgenommen, jedoch wieder freigelassen; nach einem mutmaßlichen Attentäter werde noch gefahndet. Auf die Frage, ob „ausländische Kräfte“ bei der Fahndung geholfen hätten, sagte Güler: „Es gibt viele Kanäle, mit denen man sich bei einer solchen Operation koordiniert. Die eine oder andere mag benutzt worden sein.“ Das kann man wohl als Eingeständnis werten, dass die FSA-Kontakte hilfreich waren.

Inzwischen hat die regierungskritische türkische Zeitung Söscü nachgelegt und Details genannt: „Die Operation in Latakia, einer Hochburg Baschar Assads, fand am 8. März bei Sonnenaufgang statt. Geheimdienstinformationen hatten zur Identifizierung des Hauses geführt, in dem sich die Bombenleger aufhielten. Die Spezialteams begannen die Operation um fünf Uhr morgens und sicherten zunächst die Straße. Dann umstellten sie das Gebäude mit drei Fahrzeugen. Sie waren schwer bewaffnet, und alle trugen schussichere Westen. Sie enterten das Haus wie ein Wirbelwind, brachen die Tür zur Wohnung der Verdächtigen auf, legten ihnen Handschellen an und führten sie ab und setzten sie in die Autos. Die FSA eskortierte die Truppe dann bis zum Grenzposten Cilvegözü. An der Operation nahmen 17 Offiziere für Spezialoperationen der polizeilichen Sicherheitsdirektion von Hatay teil.“

Die türkische Regierung gehört zu den schärfsten Kritikern des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Die Türkei beherbergt inzwischen rund 180000 syrische Flüchtlinge und hatte mehrfach bereits Todesopfer zu beklagen, als Granaten aus Syrien auf türkischem Territorium einschlugen. Der Anschlag von Cilvegözü war der bisher schwerste Zwischenfall seit Beginn des syrischen Bürgerkrieges vor zwei Jahren. Abgesehen von der abenteuerlichen Story hat der Zwischenfall eine wichtige, bisher unbekannte Information ans Licht befördert: Die syrischen Rebellen beherrschen jetzt sogar schon Teile der Küstenregion, die als letzte Rückzugsbastion Baschar al-Assads gilt, sollte Damaskus irgendwann fallen.

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