Tod einer Touristin

Während politisch denkende Menschen in der Türkei heute Premier Erdoğans neueste Entgleisungen in puncto Zionismus beschäftigen, ist ein Kriminalfall, der an sich ebenso viele Leute in Atem hält, noch immer ungelöst. Es geht um den Mord an einer Touristin an der Kennedy-Straße unterhalb des Topkapı-Palastes in Sultanahmet. Ich bin selbst einmal die Strecke gelaufen. Man braucht schon einen langen Atem, denn es geht immer entlang der Schnellstraße, wenn auch mit einem schönen Blick aufs Marmarameer.

Die Amerikanerin muss wirklich sehr entdeckungsfreudig gewesen sein, denn kaum ein Tourist bringt so viel Geduld auf. Außerdem ist die alte Stadtmauer selbst dort auch nicht so besonders spektakulär. Es ist einer der Orte, wo ärmere Istanbuler noch immer inmitten all der Gentrifizierung überleben. Mein Artikel über den Mordfall erschien am 26. Februar in der Frankfurter Rundschau.

Sicherheitsdebatte nach Mord an Touristin
Die Amerikanerin Sarai Sierra (33) starb während eines Urlaubs in Istanbul. Während die Polizei nach dem Motiv sucht, überbieten sich die türkischen Medien darin, die Sicherheit von Urlaubern in Istanbul nachzuweisen.

Sarai Sierra starb am helllichten Tag mitten in Istanbul nahe dem weltberühmten Topkapi-Palast. Der brutale Mord an einer New Yorker Touristin hält die Türkei seit nunmehr vier Wochen in Atem und hat eine öffentliche Diskussion darüber ausgelöst, wie sicher das Land für Feriengäste ist.

„Die Türkei schließt sich erfolgreich dem Nahen Osten an, der seiner Tourismusindustrie gerade ‚Auf Wiedersehen‘ sagt“, schrieb ein Leser in der Hürriyet. Böse Erinnerungen wurden wach an jene deutsche Touristin, die im vergangenen November in Antalya vergewaltigt wurde, und an den Doppelmord von 2003, als nahe Antalya zwei Urlauberinnen aus Stuttgart während einer Radtour umgebracht und ausgeraubt wurden. Die Türkei ist sicher, sagen Türkei-Kenner. Aber Frauen sollten sich trotzdem vorsehen.

Sarai Sierra war eine abenteuerlustige Amerikanerin, die sich einen Traum erfüllte und allein zu ihrer ersten Auslandsreise aufbrach, als ein Freund kurzfristig absprang. Ihre zweiwöchige Europatour verbrachte die 33-jährige Mutter von zwei kleinen Söhnen vor allem in der Türkei. Auch am Morgen des 21. Januar, dem Tag ihres Rückflugs in die USA, rief sie noch einmal über Skype ihre Familie an. Es ging ihr gut, sie genoss die Reise. Doch sie kam nie in New York an.

Als die Angehörigen sie vier Tage später vermisst meldeten und amerikanische Medien darüber berichteten, begann in der Türkei eine landesweite Suche mit dramatischen Fahndungsaufrufen der Polizei und wilden Mutmaßungen über ihr mysteriöses Verschwinden. Am 2. Februar wurde Sierras Leiche mit schweren Schädelwunden am Fuß der alten byzantinischen Stadtmauer entdeckt, unterhalb des Topkapi-Palastes. Sie war mit einem Ziegelstein erschlagen worden.

Sarai Sierra hatte wenig Geld, aber online in Istanbul Kontakte geknüpft, und sich über das Internet auch ein günstiges Zimmer im Szenebezirk Beyoglu gemietet. Einen Tag vor ihrem Tod war sie von einem Kurztrip nach Amsterdam und München zurückgekehrt. Schnappschüsse davon hatte sie jeweils im Internet auf der Foto-Plattform Instagram dokumentiert, wo Verwandte und Freunde jeden ihrer Schritte verfolgten. In sozialen Internetnetzwerken schossen denn auch die Spekulationen ins Kraut. War die Amerikanerin eine Geheimagentin? Oder etwa ein Drogenkurier?

Alles Unsinn, erklärte die türkische Polizei. 260 Beamte fahndeten nach ihr, mit Unterstützung des FBI wurden ihre Bewegungen und ihre umfangreiche Online-Kommunikation ausgewertet, die Bänder der allgegenwärtigen Istanbuler Überwachungskameras und Berichte von Augenzeugen geprüft. Kurz vor ihrer Ermordung fing eine Videokamera ein, dass Sarai Sierra auf der Uferstraße von der Galata-Brücke zur alten Stadtmauer lief, einer vom Touristentrubel kaum berührten Gegend, wo später auch ihr Leichnam entdeckt wurde. Ihre Lederjacke, ihr iPad und ihr teures Samsung-Galaxy-Handy fehlten, doch ihr Schmuck war ihr geblieben. Die Autopsie ergab keinen Hinweis auf einen sexuellen Missbrauch. Ein Zeuge sagte später aus, dass er sie gesehen habe, wie sie Fotos auf der alten Stadtmauer machte. Zehn Minuten danach habe er Schreie gehört.

Inzwischen hat die Polizei eine heiße Spur, und seither verfolgt die Türkei wie gebannt die Jagd auf den mutmaßlichen Mörder. Verdächtig ist ein 46-jähriger Wohnungsloser namens Ziya T., der davon lebt, Altpapier zu sammeln. Es gelang der Polizei, Haare von ihm sicherzustellen, deren DNA mit den Gewebespuren übereinstimmte, die man unter Sarai Sierras Fingernägeln fand. „Er wurde gefilmt, wie er Sierras Lederjacke auf dem Flohmarkt verkaufte“, lautete eine Schlagzeile vor ein paar Tagen. 100 Polizisten suchen den Verdächtigen derzeit in der südlichen Provinz Hatay, wo er versucht haben soll, nach Syrien zu flüchten. Über das Motiv können die Ermittler bisher nur spekulieren. War es eine Gelegenheitstat? Ist Ziya T. geistig verwirrt?

Die türkischen Medien überbieten sich inzwischen darin, die Sicherheit von Urlaubern in Istanbul nachzuweisen. New York City habe in den ersten sechs Monaten des letzten Jahres 227 Morde verzeichnet, während das fast doppelt so große Istanbul in derselben Zeit nur 117 Morde registrierte, schreibt die türkische Zeitung Zaman. Tatsächlich ist Gewalt gegen einzelne der jährlich 25 Millionen Türkei-Touristen sehr selten – aber dennoch erinnert der Mordfall der Amerikanerin die Gesellschaft an die endemische Gewalt der türkischen Machos gegen ihre Frauen. Allein im Januar wurden nach Angaben der unabhängigen Internetplattform Bianet 18 Frauen von ihren Ehemännern oder Partnern getötet. Es ist eine Gewalt, die sich manchmal eben auch gegen Fremde wenden kann.

Die bekannte Kolumnistin Charlotte McPherson formulierte es in der englischsprachigen Istanbuler Zeitung Today’s Zaman folgendermaßen: „Weibliche Touristen aus dem Westen sind sich oft nicht bewusst, dass sie abhängig von der jeweiligen Stadtgegend und ohne es zu wollen, Probleme mit Männern bekommen können, wenn sie allein in der Öffentlichkeit unterwegs sind.“ Immer noch würden es die meisten türkischen Frauen deshalb vorziehen, zu zweit oder in einer Gruppe aus dem Haus zu gehen.

Vielleicht war die amerikanische Touristin zu unvorsichtig. Ganz sicher aber war sie zur falschen Zeit am falschen Ort.

Ein Gedanke zu „Tod einer Touristin

  1. Klar, mich schaudert’s, wenn ich daran denke, wie oft ich auch schon dort allein unterwegs war, jedoch muss ich gestehen, dass ich mich in Istanbul als Frau allein durchaus sicherer fühle, als zu Besuch in Manhattan oder zuhaus in Berlin unterwegs….

    Aber: viel mehr entsetzt mich, wieviele Beamte, egal welcher Behörde, den Mord an einer Touristin und wie wenig den an einer Einheimischen untersuchen – gleiches gilt für das mediale Interesse…

    Freue mich auf Istanbul im Juni!

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